Wenn der Diamant im Altgold kaum noch zählt
Fallende Diamantpreise verändern den Schmuckankauf – kleine Besatzsteine werden wirtschaftlich immer schwieriger verwertbar
Beim Ankauf von altem Goldschmuck galt lange eine einfache Vorstellung: Das Gold besitzt seinen Materialwert, ein vorhandener Diamant kommt als zusätzlicher Wert hinzu. In der Praxis funktioniert diese Rechnung heute bei vielen Schmuckstücken nicht mehr. Vor allem kleine Diamanten aus Ringen, Broschen, Anhängern oder Ohrschmuck lassen sich teilweise nur noch schwer wirtschaftlich weiterverwerten. Für den Edelmetallankauf hat das konkrete Folgen: Das sorgfältige Ausfassen, Sortieren, Prüfen und spätere Vermarkten kleiner Steine kann mehr Aufwand verursachen, als der Diamant anschließend im Wiederverkauf erlöst.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Diamanten generell wertlos geworden sind. Größere natürliche Diamanten guter Qualität, besondere Schliffe, zertifizierte Steine sowie hochwertige Schmuckstücke müssen weiterhin individuell betrachtet werden. Unter besonders starkem Druck stehen vielmehr kleine und niedrigere Qualitäten, wie sie als Besatz in großen Mengen im Schmuck vorkommen. Genau hier treffen die Veränderungen des internationalen Diamantenmarktes unmittelbar auf den täglichen Goldankauf.
Der Diamantenmarkt hat sich grundlegend verändert

Der Preisrückgang bei natürlichen Diamanten ist keine bloße Wahrnehmung einzelner Händler. Die internationalen Handelsdaten zeigen eine deutliche Marktverschiebung. Das Antwerp World Diamond Centre meldete für 2025 einen gesamten Diamantenhandel in Antwerpen von rund 19,1 Milliarden US-Dollar. 2024 waren es noch 24,5 Milliarden und 2023 rund 32,5 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem Nachfrageschub nach der Pandemie hat sich der Markt damit erheblich abgekühlt.
Auch 2026 blieb der Druck sichtbar. Nach Angaben des Antwerp World Diamond Centre sank der durchschnittliche Preis für Rohdiamanten im ersten Quartal 2026 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum von 99 auf 72 US-Dollar je Karat. Gleichzeitig entwickelte sich der Markt nicht in allen Segmenten gleich: Geschliffene Diamanten zeigten gegenüber dem schwachen Vorjahresniveau teilweise wieder eine Erholung. Von einem einheitlichen Preisverfall sämtlicher Diamanten kann deshalb nicht gesprochen werden.
Labordiamanten verändern die Preisstruktur
Ein entscheidender Faktor ist die schnelle Verbreitung von im Labor erzeugten Diamanten. Sie besitzen grundsätzlich dieselbe kristalline Kohlenstoffstruktur wie natürliche Diamanten, können jedoch industriell hergestellt werden. Mit steigenden Produktionsmengen sind ihre Preise massiv gefallen. Dadurch ist eine Alternative entstanden, die insbesondere bei preisorientiertem Schmuck mit natürlichen Diamanten konkurriert.
Der Internationale Währungsfonds beschrieb diese Entwicklung 2025 als mögliches strukturelles Problem für den Naturdiamantenmarkt. Labordiamanten konnten demnach im Einzelhandel bis zu rund 90 Prozent günstiger als vergleichbare natürliche Steine angeboten werden und hatten bereits einen erheblichen Anteil am weltweiten Diamantschmuckmarkt erreicht. Hinzu kamen eine schwächere Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten, insbesondere China, sowie hohe Lagerbestände nach dem Boom der Jahre 2021 und 2022.
Die Entwicklung setzte sich 2026 fort. De Beers berichtete für das erste Halbjahr 2026 von weiterhin schwierigen Bedingungen. Der durchschnittlich realisierte Preis für Rohdiamanten sank auf 105 US-Dollar je Karat nach 155 US-Dollar im ersten Halbjahr 2025. Das Unternehmen verwies zugleich darauf, dass größere und qualitativ hochwertige Naturdiamanten vergleichsweise widerstandsfähig blieben, während kleinere und niedrigere Qualitäten stärker unter Preisdruck standen.
Warum kleine Diamanten im Altgold zum Problem werden
Für den Ankauf eines alten Schmuckstücks ist nicht allein entscheidend, welchen theoretischen Wert ein Diamant besitzt. Entscheidend ist, welchen Betrag der ausgefasste Stein tatsächlich wieder am Markt erzielen kann und welcher Arbeitsaufwand bis dahin entsteht.
Ein kleiner Diamant muss zunächst aus der Fassung gelöst werden. Danach folgen gegebenenfalls Reinigung, Prüfung, Vermessung und Sortierung. Soll er wieder als Schmuckstein verwendet werden, entstehen weitere Kosten für Auswahl und erneutes Fassen. Bei einem größeren oder außergewöhnlich hochwertigen Stein können diese Arbeiten wirtschaftlich sinnvoll sein. Bei zahlreichen sehr kleinen Besatzsteinen kann der Arbeitsaufwand dagegen den realisierbaren Handelswert erreichen oder sogar übersteigen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Ein alter kleiner Diamant ist nicht automatisch mit einem heute angebotenen Stein gleicher Karatzahl vergleichbar. Schliffqualität, Farbe, Reinheit, Proportionen, Beschädigungen und die aktuelle Nachfrage beeinflussen den Preis. Gerade kleine Steine aus älteren Schmuckstücken lassen sich deshalb nicht einfach anhand eines allgemeinen Karatpreises bewerten.
Warum manche Steine beim Einschmelzen nicht mehr ausgefasst werden
Damit erklärt sich eine Entwicklung, die Kunden beim Edelmetallankauf zunehmend beobachten können: Bei Schmuck mit sehr kleinen Diamanten oder anderem geringwertigem Steinbesatz wird nicht zwangsläufig jeder Stein vor der weiteren Verarbeitung entfernt. Wenn für die Steine kein wirtschaftlicher Absatzweg vorhanden ist, kann das Ausfassen betriebswirtschaftlich unverhältnismäßig sein.
Der entscheidende Wert des Schmuckstücks liegt dann im enthaltenen Gold, Silber, Platin oder Palladium. Altgold wird anschließend der Edelmetallrückgewinnung zugeführt.
Besonders wichtig ist diese Frage, wenn ein Schmuckstück einen persönlichen Wert besitzt oder der Eigentümer die Steine behalten möchte. Wer einen Diamanten unabhängig vom Gold verkaufen oder zurückerhalten möchte, sollte dies vor Abschluss des Ankaufs ausdrücklich ansprechen. Nach der Verarbeitung des Schmuckstücks lässt sich diese Entscheidung naturgemäß nicht mehr rückgängig machen.
Nicht jeder Diamant ist ein Fall für die Schmelze
Aus dem Preisrückgang darf nicht der Schluss gezogen werden, dass Naturdiamanten generell keinen relevanten Wert mehr besitzen. Der Markt differenziert heute vielmehr stärker. Ein größerer, qualitativ guter natürlicher Diamant mit nachvollziehbarer Graduierung ist etwas völlig anderes als Dutzende winzige Besatzsteine unbekannter Qualität.
Auch hochwertige Markenschmuckstücke, historischer Schmuck und außergewöhnliche Fassungen können einen Wert besitzen, der über dem reinen Edelmetallwert liegt. In solchen Fällen wäre eine ausschließliche Bewertung nach Gewicht und Feingehalt zu kurz gegriffen. Bei entsprechend erscheinenden Stücken sollte deshalb vor dem Einschmelzen geprüft werden, ob Schmuck-, Sammler- oder Steinwert vorhanden ist.
Gold und Diamanten entwickeln sich derzeit auseinander
Für Verkäufer von altem Schmuck entsteht damit eine ungewöhnliche Situation. Während Gold in den vergangenen Jahren erheblich an Wert gewonnen hat, gerieten große Teile des Diamantenmarktes unter Druck. Bei einem alten Goldring kann der Metallanteil deshalb heute einen wesentlich größeren Anteil am wirtschaftlich realisierbaren Gesamtwert darstellen als noch vor einigen Jahren angenommen wurde.
Das verändert auch die Kalkulation professioneller Ankäufer. Ein hoher ursprünglicher Kaufpreis eines Schmuckstücks ist kein zuverlässiger Maßstab für seinen heutigen Ankaufspreis. Im damaligen Verkaufspreis steckten neben Gold und Diamanten schließlich auch Herstellung, Fassung, Design, Handelsspannen und Vertriebskosten. Diese Bestandteile lassen sich beim späteren Materialankauf nicht automatisch wieder erlösen.
Was Schmuckbesitzer vor dem Verkauf beachten sollten
Bei massivem Goldschmuck mit einigen winzigen Steinen wird der Edelmetallwert häufig die wichtigste kalkulierbare Größe sein. Befindet sich dagegen ein deutlich größerer Diamant im Schmuckstück, liegen Unterlagen oder ein anerkanntes Zertifikat vor oder handelt es sich um hochwertigen beziehungsweise historischen Schmuck, sollte eine getrennte Betrachtung erfolgen.
Für Verbraucher ist außerdem wichtig, zwischen Naturdiamanten, Labordiamanten und Diamantimitaten zu unterscheiden. Mit bloßem Auge ist eine sichere Zuordnung nicht immer möglich. Ein vermeintlich wertvoller Stein kann daher nicht allein aufgrund seines Aussehens bewertet werden. Umgekehrt sollte ein größerer echter Naturdiamant nicht vorschnell als wertloser Schmuckbesatz behandelt werden.
Der internationale Diamantenmarkt befindet sich 2026 weiterhin in einer Phase erheblicher Veränderungen. Besonders kleine Naturdiamanten konkurrieren mit sehr günstig produzierten Labordiamanten und treffen gleichzeitig auf einen schwächeren Sekundärmarkt. Im Edelmetallankauf wird deshalb immer deutlicher zwischen dem zuverlässig bestimmbaren Materialwert des Edelmetalls und einem tatsächlich realisierbaren Wert der Steine unterschieden. Für kleine Besatzdiamanten kann das im Extremfall bedeuten, dass das Herauslösen wirtschaftlich mehr kostet, als der einzelne Stein anschließend wert ist.
01.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
Ihre Bewertung, Ihr Kommentar oder Ihre Frage
Bewertungen und Kommentare