EU setzt bei kritischen Rohstoffen auf Vietnam
Wolfram, Antimon und Seltene Erden: Europa will seine Rohstoffversorgung breiter aufstellen. Vietnam könnte dabei eine Schlüsselrolle übernehmen – doch neue Lieferketten brauchen Zeit und Milliardeninvestitionen.
Die Europäische Union sucht nach neuen Wegen, ihre Industrie unabhängiger von chinesischen Rohstofflieferungen zu machen. Dabei rückt ein Land stärker in den Mittelpunkt, das bislang vor allem als wichtiger Produktionsstandort für Elektronik, Textilien und Industriegüter bekannt ist: Vietnam. Nach einem Reuters-Bericht vom 14. Oktober 2026 prüft die EU eine engere Zusammenarbeit mit dem südostasiatischen Staat bei der Förderung und Verarbeitung kritischer Rohstoffe.
Besonders interessant sind Wolfram, Antimon, Bismut und Seltene Erden. Diese Materialien werden für Halbleiter, Speziallegierungen, die Verteidigungsindustrie und moderne Energietechnik benötigt. Die europäische Industrie ist bei mehreren dieser Rohstoffe stark von wenigen Lieferländern abhängig.
Die geplante Annäherung an Vietnam ist deshalb mehr als ein gewöhnliches Handelsprojekt. Sie ist Teil einer langfristigen Neuordnung internationaler Rohstofflieferketten, bei der die Sicherheit der Versorgung zunehmend neben Preis und Qualität tritt.
Warum Vietnam für Europa interessant wird
Vietnam verfügt über unterschiedliche mineralische Rohstoffvorkommen. Dazu gehören unter anderem Wolfram, Bauxit, Antimon und Seltene Erden. Entscheidend ist dabei nicht nur, welche Rohstoffe geologisch vorhanden sind, sondern ob sie wirtschaftlich gefördert und anschließend industriell verarbeitet werden können.
Bei Wolfram bestehen bereits industrielle Verbindungen zwischen Vietnam und Europa. Das Metall ist wegen seines hohen Schmelzpunkts und seiner Härte für Hartmetallwerkzeuge, Maschinenbau und verschiedene Hochtechnologieanwendungen wichtig.
Antimon wird unter anderem für Flammschutzmittel, Legierungen und bestimmte militärische Anwendungen eingesetzt. Bismut besitzt Bedeutung für Spezialwerkstoffe und chemische Anwendungen.
Die EU prüft nach den bekannt gewordenen Unterlagen Möglichkeiten, Vietnams Bergbau- und Verarbeitungsindustrie durch finanzielle und technische Zusammenarbeit zu unterstützen.
Konkrete Vereinbarungen über zusätzliche Liefermengen oder neue Produktionsanlagen sind damit allerdings noch nicht automatisch verbunden.
China bleibt der zentrale Faktor
Die internationale Rohstoffversorgung ist bei vielen kritischen Mineralien stark konzentriert. Besonders deutlich wird dies bei der Verarbeitung, bei der China in zahlreichen Bereichen eine führende Stellung besitzt.
Die Internationale Energieagentur stellte in ihrem Global Critical Minerals Outlook 2026 fest, dass die Konzentration bei der Raffination wichtiger Energierohstoffe weiter zugenommen hat. Für die Industrie entstehen dadurch Risiken, wenn Handelsbeschränkungen, politische Konflikte oder technische Störungen einzelne Lieferketten beeinträchtigen.
Chinesische Exportkontrollen für verschiedene strategische Materialien haben diese Verwundbarkeit bereits sichtbar gemacht. Besonders betroffen sind Industrien, die auf hochreine Materialien und spezialisierte Zwischenprodukte angewiesen sind.
Eine engere Zusammenarbeit mit Vietnam könnte Europas Bezugsquellen erweitern. Sie würde jedoch nicht zwangsläufig sämtliche chinesischen Verarbeitungsschritte ersetzen.
Weitere Informationen zur internationalen Versorgungslage bietet die Internationale Energieagentur im Global Critical Minerals Outlook 2026.
Neue Rohstoffprojekte brauchen mehr als Lagerstätten

Die Erschließung neuer Rohstoffquellen ist technisch und wirtschaftlich anspruchsvoll. Selbst große Lagerstätten führen nicht automatisch zu einer sicheren Versorgung.
Zunächst müssen geologische Untersuchungen ausreichende Informationen über Qualität, Menge und Abbaubarkeit liefern. Anschließend folgen Genehmigungsverfahren, Finanzierungsentscheidungen und der Aufbau der notwendigen Infrastruktur.
Hinzu kommen Aufbereitungs- und Raffinationsanlagen. Gerade diese Verarbeitungsschritte erfordern spezialisiertes Know-how, qualifizierte Arbeitskräfte und häufig erhebliche Mengen an Energie und Wasser.
Auch die politischen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Für europäische Unternehmen sind verlässliche Eigentumsrechte, transparente Genehmigungsverfahren und langfristig kalkulierbare Handelsbedingungen entscheidend.
Nach den von Reuters beschriebenen Unterlagen bestehen bei möglichen Investitionen in Vietnam weiterhin Risiken durch regulatorische Unsicherheiten und Anforderungen an den Technologietransfer.
Die EU muss daher nicht nur neue Rohstoffpartnerschaften vereinbaren, sondern auch deren wirtschaftliche Umsetzung absichern.
Was die Zusammenarbeit für Deutschland bedeutet
Für die deutsche Industrie ist eine breitere Versorgung mit kritischen Rohstoffen besonders relevant. Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Automobilindustrie, der Elektrotechnik und der chemischen Industrie benötigen zahlreiche Spezialmetalle und mineralische Vorprodukte.
Wolfram wird beispielsweise für hochbelastbare Schneid- und Bohrwerkzeuge eingesetzt. Seltene Erden sind für leistungsfähige Permanentmagnete wichtig, die unter anderem in Elektromotoren, Windkraftanlagen und industriellen Antrieben Verwendung finden.
Eine zusätzliche Lieferquelle aus Vietnam könnte Beschaffungsrisiken verringern und die Verhandlungsposition europäischer Unternehmen verbessern.
Allerdings hängen mögliche Vorteile von den tatsächlich verfügbaren Mengen, der Produktqualität und den langfristigen Lieferbedingungen ab. Eine neue Partnerschaft ist noch keine Garantie für günstigere Rohstoffe.
Auch die Weiterverarbeitung innerhalb Europas bleibt wichtig. Werden Rohstoffe zwar außerhalb Chinas gefördert, anschließend aber weiterhin überwiegend dort raffiniert, besteht ein wesentlicher Teil der bisherigen Abhängigkeit fort.
EU beschleunigt den Aufbau eigener Rohstoffprojekte
Die geplante Zusammenarbeit mit Vietnam ergänzt die europäische Rohstoffstrategie. Erst am 9. Oktober 2026 wurde bekannt, dass die Europäische Kommission 46 weitere strategische Rohstoffprojekte ausgewählt hat.
Die Vorhaben verteilen sich auf 16 EU-Mitgliedstaaten und betreffen unter anderem Lithium, Kupfer, Nickel und Seltene Erden. Sie sollen zusammen Investitionen von rund 21,1 Milliarden Euro mobilisieren.
Der strategische Projektstatus erleichtert bestimmte Genehmigungsprozesse und kann den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten verbessern. Eine automatische Finanzierungsgarantie ist damit nicht verbunden.
Grundlage ist der europäische Critical Raw Materials Act. Bis 2030 soll die EU unter anderem Kapazitäten für die eigene Förderung, Verarbeitung und das Recycling strategischer Rohstoffe ausbauen.
Die Europäische Kommission erläutert die Ziele des Critical Raw Materials Act auf ihrer offiziellen Internetseite.
Neue Lieferketten verändern den Rohstoffmarkt
Für den internationalen Rohstoffhandel zeichnet sich eine strukturelle Veränderung ab. Jahrzehntelang standen niedrige Produktionskosten und effiziente globale Lieferketten im Vordergrund. Inzwischen gewinnen Versorgungssicherheit, geografische Diversifizierung und politische Stabilität deutlich an Bedeutung.
Diese Entwicklung kann zusätzliche Investitionen in Bergbau, Raffination und Recycling auslösen. Gleichzeitig entstehen neue Kosten, weil alternative Lieferketten zunächst aufgebaut und bestehende Produktionsstrukturen teilweise neu organisiert werden müssen.
Für Vietnam bietet die europäische Nachfrage die Möglichkeit, seine Rolle als Rohstoff- und Industriestandort auszubauen. Europa könnte im Gegenzug zusätzliche Bezugsquellen gewinnen.
Ob daraus eine langfristig erfolgreiche Partnerschaft entsteht, hängt von konkreten Investitionen, verbindlichen Abnahmevereinbarungen und dem tatsächlichen Ausbau der Verarbeitungskapazitäten ab.
Die jüngste Initiative zeigt vor allem eines: Kritische Rohstoffe sind längst nicht mehr nur eine Frage der Bergbauindustrie. Sie gehören zu den strategischen Grundlagen der europäischen Industriepolitik und werden die internationalen Wirtschaftsbeziehungen auch in den kommenden Jahren prägen.
15.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
Ihre Bewertung, Ihr Kommentar oder Ihre Frage
Bewertungen und Kommentare