Erdöl wird zum Problem für die Chemieindustrie
Störungen im Nahen Osten verteuern chemische Grundstoffe. Europa kämpft mit hohen Produktionskosten, während die Abhängigkeit von petrochemischen Lieferketten bestehen bleibt.
18. Oktober 2026 – Erdöl ist nicht nur Treibstoff, sondern einer der wichtigsten Ausgangsstoffe der chemischen Industrie. Aus seinen Bestandteilen entstehen Kunststoffe, Verpackungen, Kunstfasern, Lacke und zahlreiche industrielle Vorprodukte. Die anhaltenden Lieferstörungen im Nahen Osten treffen deshalb nicht allein Raffinerien und Tankstellen, sondern auch Chemieunternehmen weltweit.
Besonders betroffen sind Naphtha, Ethylen und Polyethylen. Eine Reuters-Analyse vom 15. Oktober zeigt, dass die Störungen rund um die Straße von Hormus den internationalen Handel mit petrochemischen Rohstoffen erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig bleibt die Chemieindustrie auf kostengünstige Lieferungen aus der Golfregion angewiesen.
Warum die Straße von Hormus für Kunststoffe wichtig ist
Die Golfstaaten gehören zu den wichtigsten Produzenten petrochemischer Grundstoffe. Nach den von Reuters veröffentlichten Branchendaten entfallen mehr als 40 Prozent der weltweiten Polyethylenexporte auf diese Region.
Die Unterbrechungen der Schifffahrt durch die Straße von Hormus haben nach den vorliegenden Schätzungen zeitweise Produktionskapazitäten von nahezu 20 Prozent der weltweiten Ethylenversorgung beeinträchtigt. Auch die Naphthaversorgung asiatischer Chemiewerke ist erheblich betroffen.
Naphtha ist ein leichtes Mineralölprodukt, das in sogenannten Steamcrackern unter hohen Temperaturen in kleinere Kohlenwasserstoffmoleküle zerlegt wird. Daraus entstehen beispielsweise Ethylen und Propylen, die wiederum zur Herstellung zahlreicher Kunststoffe benötigt werden.
Wenn diese Ausgangsstoffe knapp werden, steigen nicht nur die Einkaufskosten. Chemiewerke können gezwungen sein, ihre Produktion zu reduzieren oder alternative Lieferanten zu suchen.
Deutsche Chemieindustrie bereits erheblich belastet

Für Deutschland kommen die internationalen Lieferprobleme zu einer bereits angespannten wirtschaftlichen Lage hinzu. Nach Angaben des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) lag die Produktion der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie im ersten Halbjahr 2026 rund drei Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Der Branchenumsatz sank um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro. Gleichzeitig gingen die Investitionen bereits im dritten Jahr hintereinander zurück.
Ein wesentlicher Standortnachteil sind die vergleichsweise hohen Energiepreise. Nach einer im September veröffentlichten VCI-Auswertung entfielen 2024 fast acht Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs auf die Chemieindustrie. Neben Erdgas und Strom spielen Mineralölprodukte als stoffliche Rohstoffe eine zentrale Rolle.
Steigende Preise für Naphtha und andere Vorprodukte können die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich belasten. Besonders problematisch wird dies, wenn ausländische Hersteller ihre Produkte trotz der Transportkosten günstiger auf dem europäischen Markt anbieten können.
Warum günstiges Erdöl allein nicht ausreicht
Für Chemieunternehmen ist nicht nur der Rohölpreis entscheidend. Ebenso wichtig sind die Verfügbarkeit geeigneter Raffinerieprodukte, Transportwege, Energiepreise und die Auslastung der Produktionsanlagen.
Selbst wenn sich Rohöl verbilligt, können einzelne chemische Grundstoffe teuer bleiben, wenn Raffinerien oder petrochemische Anlagen beschädigt sind oder Lieferwege unterbrochen werden.
Hinzu kommt die unterschiedliche Rohstoffbasis. Während viele europäische Chemieanlagen Naphtha verwenden, nutzen Produzenten im Nahen Osten und in Nordamerika häufig günstige gasbasierte Ausgangsstoffe wie Ethan. Diese strukturellen Unterschiede beeinflussen die Herstellungskosten erheblich.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Erwartungen für den weltweiten Ölverbrauch 2026 angesichts der anhaltenden Versorgungsstörungen deutlich reduziert. Besonders betroffen sind neben Diesel auch petrochemische Rohstoffe.
Neue Lieferanten helfen nur begrenzt
Internationale Chemiekonzerne versuchen, ihre Rohstoffversorgung breiter aufzustellen. Zusätzliche Lieferungen aus Nordamerika oder anderen Produktionsregionen können kurzfristig Engpässe ausgleichen.
Allerdings verfügen die Golfstaaten weiterhin über erhebliche Kostenvorteile. Große Produktionsanlagen, günstige Ausgangsstoffe und die Nähe zu wichtigen Absatzmärkten machen die Region zu einem bedeutenden Lieferanten.
Nach Einschätzung der von Reuters befragten Marktteilnehmer dürften deshalb viele Unternehmen auch nach einer Normalisierung der Handelswege wieder verstärkt auf Lieferanten aus dem Nahen Osten zurückgreifen.
Für Europa stellt sich damit die Frage, wie eine widerstandsfähigere Rohstoffversorgung aufgebaut werden kann, ohne die ohnehin hohen Produktionskosten weiter zu erhöhen.
Was die Entwicklung für die Industrie bedeutet
Die Folgen reichen weit über die klassische Chemiebranche hinaus. Kunststoffgranulate, technische Polymere und chemische Zwischenprodukte werden in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, bei Verpackungen, in der Elektronik und im Baugewerbe benötigt.
Steigende Rohstoffkosten können entlang dieser Lieferketten weitergegeben werden. Ob daraus höhere Endverbraucherpreise entstehen, hängt allerdings von der Nachfrage, bestehenden Lieferverträgen und den Möglichkeiten der Hersteller ab, zusätzliche Kosten aufzufangen.
Langfristig gewinnen deshalb auch chemisches Recycling, alternative Rohstoffquellen und effizientere Produktionsverfahren an Bedeutung. Sie können die Abhängigkeit von fossilen Ausgangsstoffen reduzieren, ersetzen jedoch bestehende petrochemische Produktionsketten nicht kurzfristig.
Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, dass Versorgungssicherheit bei Erdöl längst mehr bedeutet als ausreichende Mengen Benzin oder Diesel. Auch die industrielle Produktion zahlreicher Alltagsprodukte hängt von funktionierenden Raffinerien und internationalen Rohstoffströmen ab.
Quellen: Reuters – Petrochemische Lieferketten und Hormus, VCI – Energie und Rohstoffe der Chemieindustrie, IEA – Internationaler Ölmarktbericht.
18.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
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