Europäischer Gaspreis steigt erstmals seit 2022 über 90 Euro
Neue Energiekrise droht: Während Erdgas immer teurer wird, sorgt Wirtschaftsministerin Reiches Wasserstoffstrategie für Streit über die Zukunft der Energiewende.
Der europäische Gasmarkt sendet ein deutliches Warnsignal. Am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, überschritt der richtungsweisende Erdgaspreis an der niederländischen Handelsplattform TTF zeitweise die Marke von 90 Euro je Megawattstunde. Damit erreichte der europäische Gaspreis erstmals seit Dezember 2022 wieder dieses Niveau. Gleichzeitig gerät die deutsche Energiepolitik unter Druck: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will den Wasserstoffmarkt mit milliardenschweren Förderprogrammen anschieben. Kritiker befürchten allerdings, dass die geplanten Maßnahmen zunächst den Einsatz von Erdgas verlängern könnten, statt den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen.
Der TTF-Terminkontrakt für den nächsten Liefermonat notierte im Tagesverlauf bei rund 90,20 Euro je Megawattstunde. Anschließend gab der Preis wieder nach. Der zeitweilige Sprung über die psychologisch wichtige Marke zeigt dennoch, wie empfindlich Europas Energieversorgung weiterhin auf geopolitische Spannungen und mögliche Lieferengpässe reagiert.
Warum Erdgas in Europa wieder so teuer wird
Hauptursache des jüngsten Preisanstiegs sind die anhaltenden Verwerfungen auf dem internationalen Flüssiggasmarkt. Der Konflikt im Nahen Osten beeinträchtigt wichtige Liefer- und Transportwege. Besonders die Straße von Hormus spielt dabei eine zentrale Rolle, weil normalerweise etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Flüssigerdgases diese Meerenge passiert.
Europa konkurriert beim Einkauf von LNG zunehmend mit asiatischen Importeuren. Gleichzeitig liegen die europäischen Gasspeicherstände deutlich unter den für diese Jahreszeit üblichen Werten. Damit sinkt der Spielraum, mögliche Lieferausfälle während eines kalten Winters auszugleichen.
Schon am 13. Oktober hatte der europäische TTF-Preis mit rund 85,82 Euro je Megawattstunde ein Mehrjahreshoch erreicht. Der weitere Anstieg verdeutlicht, dass die Sorge um die Versorgung im kommenden Winter inzwischen einen erheblichen Einfluss auf die Preisbildung hat.
Allerdings unterscheidet sich die aktuelle Lage von der Energiekrise 2022. Europa verfügt inzwischen über zusätzliche LNG-Bezugsmöglichkeiten und eine veränderte Importstruktur. Eine erneute Versorgungskrise im damaligen Ausmaß ist deshalb keineswegs zwangsläufig.
Reiche setzt auf Milliarden für den Wasserstoffmarkt

Ausgerechnet während Erdgas wieder erheblich teurer wird, versucht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, den schleppenden Aufbau der deutschen Wasserstoffwirtschaft zu beschleunigen.
Am 19. Oktober stellte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ein Paket mit zehn Maßnahmen vor. Kernstück ist ein neues Förderfenster für industrielle Wasserstoffprojekte mit mindestens 1,5 Milliarden Euro. Darüber hinaus können sich entsprechende Vorhaben auch an einem größeren Förderprogramm für Klimaschutzverträge beteiligen, für das insgesamt bis zu 8,7 Milliarden Euro vorgesehen sind.
Zusätzlich sollen Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von vier Gigawatt für eine spätere Umstellung auf Wasserstoff gefördert werden. Der Staat will damit die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen, um Wasserstoff langfristig stärker in der Industrie und Stromversorgung einzusetzen.
Die Bundesregierung begründet die Maßnahmen mit einem grundlegenden Problem: Wasserstoff ist für viele potenzielle Abnehmer bislang zu teuer. Ohne zusätzliche Nachfrage und verlässliche Förderbedingungen entstehen weder ausreichend Produktionskapazitäten noch die notwendige Infrastruktur.
Die Einzelheiten der Maßnahmen erläutert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Droht ausgerechnet durch Wasserstoff mehr Erdgasverbrauch?
Ein besonders umstrittener Punkt betrifft die Herstellung von klimafreundlichem Stahl. Die Bundesregierung möchte bei Offshore-Windkraftanlagen den Einsatz von Stahl begünstigen, der mithilfe von erneuerbarem oder kohlenstoffarmem Wasserstoff produziert wurde.
Das klingt zunächst nach einem sinnvollen Ansatz. Die Stahlindustrie verursacht erhebliche CO2-Emissionen und benötigt für ihre Dekarbonisierung neue Produktionsverfahren.
Allerdings steht grüner Wasserstoff aus erneuerbarem Strom bislang nicht in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung. Deshalb könnten Unternehmen zunächst auf andere Wasserstoffarten zurückgreifen.
Dazu zählt unter bestimmten Voraussetzungen auch Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Beim sogenannten Methancracking wird Methan in Wasserstoff und festen Kohlenstoff zerlegt. Das Verfahren unterscheidet sich von der klassischen Dampfreformierung, bei der erhebliche Mengen Kohlendioxid entstehen können.
Wie klimafreundlich solche Verfahren tatsächlich sind, hängt von ihrem Energiebedarf, den Methanemissionen entlang der Lieferkette und der weiteren Behandlung der entstehenden Stoffe ab.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Fördert der Staat mit seinen Maßnahmen tatsächlich den langfristigen Übergang zu erneuerbarem Wasserstoff oder stabilisiert er zunächst neue industrielle Abhängigkeiten von fossilem Erdgas?
Eine Analyse des Technologieportals Golem.de zur Wasserstoffförderung warnt vor diesem Zielkonflikt.
Die Energiewende steckt in einem wirtschaftlichen Dilemma
Besonders problematisch ist die gegenseitige Abhängigkeit von Windenergie, grünem Stahl und Wasserstoffproduktion.
Für die Herstellung von grünem Wasserstoff wird viel erneuerbarer Strom benötigt. Um diesen Strom bereitzustellen, müssen zusätzliche Windkraftanlagen entstehen. Für deren Bau wiederum soll möglichst klimafreundlicher Stahl verwendet werden, dessen Herstellung teilweise ebenfalls Wasserstoff benötigt.
Damit entsteht ein industrieller Kreislauf, der sich nur dann wirtschaftlich entwickeln kann, wenn Stromerzeugung, Wasserstoffproduktion und Nachfrage gleichzeitig wachsen.
Steht grüner Wasserstoff nicht rechtzeitig zur Verfügung, drohen höhere Produktionskosten oder der Rückgriff auf fossile Alternativen. Im ungünstigen Fall könnten zusätzliche Anforderungen an den Stahl sogar den Ausbau der Windenergie verteuern oder verzögern.
Andererseits benötigt die Wasserstoffwirtschaft verlässliche Abnehmer. Ohne entsprechende Nachfrage würden Unternehmen kaum Milliarden in Elektrolyseure, Transportleitungen und neue Stahlproduktionsanlagen investieren.
Die Bundesregierung versucht daher, einen Markt zu schaffen, der sich aus eigener Kraft bislang nur langsam entwickelt. Ob die Förderung diesen Kreislauf tatsächlich in Gang setzt, hängt entscheidend von der konkreten Umsetzung ab.
Hohe Gaspreise treffen Industrie und Verbraucher
Für die deutsche Wirtschaft kommt die erneute Verteuerung von Erdgas zu einem schwierigen Zeitpunkt. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Glas, Keramik, Düngemittel und Teile der Metallindustrie reagieren empfindlich auf steigende Gaspreise.
Auch die Strompreise können betroffen sein, wenn Gaskraftwerke in bestimmten Stunden den maßgeblichen Großhandelspreis bestimmen.
Private Haushalte spüren Veränderungen am Großhandelsmarkt dagegen meist zeitverzögert. Entscheidend sind bestehende Lieferverträge, Beschaffungsstrategien der Versorger und die jeweilige Tarifgestaltung. Ein kurzfristiger Preissprung an der Börse bedeutet deshalb nicht automatisch eine sofortige Erhöhung der Gasrechnung.
Für Unternehmen mit kurzfristiger Energiebeschaffung oder auslaufenden Lieferverträgen kann die Belastung allerdings deutlich schneller steigen.
Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen außerdem ein strukturelles Problem: Solange Erdgas für große Teile der Industrie und Stromversorgung unverzichtbar bleibt, können internationale Krisen erhebliche wirtschaftliche Folgen für Deutschland haben.
Zwischen Versorgungssicherheit und Klimaschutz
Die Bundesregierung steht vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits muss sie eine sichere und bezahlbare Energieversorgung gewährleisten. Andererseits soll die deutsche Industrie langfristig klimaneutral werden.
Wasserstoff kann insbesondere dort eine wichtige Rolle übernehmen, wo direkte Elektrifizierung technisch schwierig oder wirtschaftlich kaum praktikabel ist. Dazu gehören bestimmte industrielle Hochtemperaturprozesse und Teile der Stahl- und Chemieproduktion.
Entscheidend ist jedoch, dass die Förderung nicht dauerhaft den Verbrauch fossiler Energieträger festschreibt. Neue Anlagen und Infrastrukturen müssen so ausgelegt werden, dass sie tatsächlich zur geplanten Transformation beitragen.
Der jüngste Gaspreisanstieg macht diesen Zielkonflikt besonders sichtbar. Deutschland braucht kurzfristig zuverlässige Energielieferungen, darf darüber aber die langfristige Verringerung seiner Abhängigkeit von importiertem Erdgas nicht aus den Augen verlieren.
Der Sprung über 90 Euro je Megawattstunde ist deshalb mehr als eine auffällige Börsenmeldung. Er zeigt, wie eng Energiepreise, internationale Sicherheitspolitik und die industrielle Transformation Europas miteinander verbunden bleiben.
Ob Reiches Wasserstoffstrategie den notwendigen Strukturwandel beschleunigt oder zunächst zusätzliche fossile Abhängigkeiten schafft, wird sich vor allem daran entscheiden, wie schnell erneuerbarer Strom, Elektrolysekapazitäten und eine tatsächlich klimafreundliche Wasserstoffversorgung aufgebaut werden können.
20.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
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