Gold: China greift zu, Russland muss verkaufen
Russlands Goldreserven schrumpfen auf den niedrigsten Stand seit 2019. Während Moskau seine Bestände reduziert, fließt russisches Gold in großen Mengen nach China.
Auf dem internationalen Goldmarkt zeichnet sich eine bemerkenswerte Verschiebung ab: Während China seine staatlichen Goldreserven weiter aufstockt, verkauft Russland seit Monaten Gold aus seinen Beständen. Gleichzeitig erreichen russische Goldlieferungen nach Hongkong außergewöhnlich hohe Mengen. Hinter dieser Entwicklung stehen nicht nur westliche Sanktionen, sondern auch Russlands angespannte Staatsfinanzen und Chinas langfristiges Interesse an dem Edelmetall.
Besonders brisant ist der Zeitpunkt. Gold zählt für beide Länder zu den strategisch wichtigen Reserveanlagen. Doch während Peking seine Bestände ausbaut, benötigt Moskau zunehmend finanzielle Mittel zur Stabilisierung seines Staatshaushalts. Ausgerechnet in einer Phase hoher Goldpreise wird damit sichtbar, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Handlungsspielräume der beiden Staaten inzwischen sind.
Russland verkauft seit zehn Monaten Gold
Nach den jüngsten Angaben der russischen Zentralbank gingen die staatlichen Goldbestände im September 2026 um rund 200.000 Feinunzen beziehungsweise 6,2 Tonnen zurück. Damit schrumpften die Reserven auf 72,8 Millionen Feinunzen oder umgerechnet rund 2.264 Tonnen. Das ist der niedrigste Stand seit Ende 2019.
Seit Dezember 2025 hat Russland seine Goldbestände um insgesamt etwa 62 Tonnen reduziert. Es handelt sich um die längste anhaltende Verkaufsphase seit Jahrzehnten. Eine vergleichbar ausgeprägte Verringerung der Goldreserven erlebte Russland zuletzt während der Finanzkrise von 1998.
Der Hintergrund liegt vor allem in den russischen Staatsfinanzen. Das Haushaltsdefizit könnte 2026 rund 7,3 Billionen Rubel erreichen und damit etwa doppelt so hoch ausfallen wie ursprünglich vorgesehen. Sinkende Einnahmen aus dem Energiegeschäft und hohe staatliche Ausgaben erhöhen den Druck auf die verfügbaren Reserven.
Die Goldverkäufe stehen insbesondere mit Transaktionen rund um den russischen Nationalen Wohlstandsfonds in Verbindung. Dabei werden Vermögenswerte des Fonds zur Finanzierung staatlicher Ausgaben eingesetzt. Die Zentralbank führt ergänzende Marktoperationen durch.
China wird zum entscheidenden Absatzmarkt

Während Russland seine staatlichen Bestände reduziert, hat sich der Goldhandel mit China deutlich intensiviert. Besonders Hongkong entwickelt sich zu einer zentralen Drehscheibe für russisches Edelmetall.
Nach einer Auswertung offizieller Handelsdaten durch BullionVault importierte Hongkong allein zwischen Januar und Juli 2026 rund 112,7 Tonnen Gold russischer Herkunft. Damit wurde bereits innerhalb von sieben Monaten die gesamte Importmenge des Jahres 2025 von rund 92,1 Tonnen übertroffen.
Zum Vergleich: Im Jahr 2021, also vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, lagen die entsprechenden Goldimporte Hongkongs aus Russland bei lediglich 3,3 Tonnen.
Die Entwicklung zeigt, wie grundlegend sich die internationalen Handelswege seit Beginn des Ukrainekrieges verändert haben. Russische Produzenten, die zuvor einen erheblichen Teil ihrer Goldproduktion über London vermarkteten, mussten neue Absatzmärkte erschließen.
China bietet dafür günstige Voraussetzungen. Das Land verfügt über einen großen Goldmarkt, eine bedeutende Schmuckindustrie und eine Bevölkerung, die physisches Gold traditionell auch zur Vermögenssicherung nutzt.
Allerdings ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Die russischen Goldexporte nach Hongkong sind nicht automatisch mit den Goldverkäufen der russischen Zentralbank gleichzusetzen. Die Handelsstatistik erfasst Gold russischer Herkunft, darunter auch Ware privater Bergbauunternehmen. Wie viel davon unmittelbar aus staatlichen Reserven stammt, lässt sich anhand dieser Zahlen nicht feststellen.
Peking baut seine eigenen Goldreserven weiter aus
Parallel dazu setzt die chinesische Zentralbank ihren Goldaufbau fort. Nach den offiziellen Septemberdaten erhöhte die People's Bank of China ihre Bestände auf 77,47 Millionen Feinunzen. Ende August waren es noch 76,73 Millionen Feinunzen gewesen.
Das entspricht einem Zuwachs von rund 23 Tonnen innerhalb eines Monats. Damit hatte China seine Goldreserven bis September 2026 bereits 23 Monate hintereinander erhöht.
Die Strategie unterscheidet sich deutlich von der russischen Entwicklung. China nutzt Gold zur Diversifizierung seiner internationalen Reserven und zur Verringerung seiner Abhängigkeit von einzelnen Währungen und Finanzsystemen.
Ob und in welchem Umfang die chinesische Zentralbank unmittelbar russisches Gold erwirbt, geht aus den veröffentlichten Handels- und Reservestatistiken allerdings nicht hervor. Die steigenden Goldimporte aus Russland und die staatlichen Goldkäufe Chinas sind zwei belegte Entwicklungen, deren direkte Verbindung nicht nachgewiesen ist.
Westliche Sanktionen verändern den Goldhandel
Vor dem Ukrainekrieg war London einer der wichtigsten internationalen Absatzmärkte für russisches Gold. Nach Beginn der Invasion 2022 wurden russische Raffinerien von den maßgeblichen Good-Delivery-Listen der London Bullion Market Association ausgeschlossen. Hinzu kamen Importbeschränkungen westlicher Staaten.
Diese Maßnahmen erschwerten den Zugang zu etablierten westlichen Handelswegen erheblich. Russland musste deshalb neue Käufer, Handelsplätze und Verarbeitungswege erschließen.
Hongkong bietet hierfür eine international vernetzte Handelsinfrastruktur und Zugang zum chinesischen Markt. Auch andere asiatische Handelszentren haben für russische Edelmetalllieferungen an Bedeutung gewonnen.
Die Sanktionen haben den russischen Goldhandel somit nicht beendet, sondern seine geografische Ausrichtung verändert. Für Russland entsteht dadurch allerdings eine stärkere Abhängigkeit von einer kleineren Zahl internationaler Absatzmärkte.
Warum Russland trotz hoher Goldpreise unter Druck steht
Hohe Goldpreise sind für einen bedeutenden Goldproduzenten zunächst vorteilhaft. Russland gehört zu den größten Goldförderländern der Welt und verfügt über erhebliche natürliche Ressourcen.
Doch die Lage der Staatsfinanzen folgt einer anderen Logik. Ein hoher Goldpreis verbessert zwar den Wert vorhandener Bestände und die Erlöse möglicher Verkäufe. Er ersetzt aber keine dauerhaft ausreichenden Steuereinnahmen und Exporterlöse.
Hinzu kommt, dass der Wert der Goldreserven durch zwei Faktoren beeinflusst wird: die tatsächlich vorhandene Goldmenge und den jeweiligen Marktpreis. Ein Rückgang des bilanzierten Goldwertes bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass Gold im gleichen Umfang verkauft wurde.
Nach Angaben der russischen Zentralbank sank der Wert des monetären Goldes innerhalb der internationalen Reserven im September auf rund 301,6 Milliarden US-Dollar. Der Rückgang gegenüber August betrug rund 31,9 Milliarden US-Dollar. Ein erheblicher Teil dieser Veränderung ist auf die Neubewertung des Goldbestandes zurückzuführen.
Die tatsächliche Mengenverringerung von rund 6,2 Tonnen ist davon getrennt zu betrachten.
Welche Folgen hat die Entwicklung für den Goldmarkt?
Die Verschiebung russischer Goldlieferungen nach Asien zeigt, dass geopolitische Konflikte zunehmend auch die Handelsstrukturen für Edelmetalle verändern.
Für den internationalen Goldmarkt ergeben sich mehrere gegenläufige Einflüsse. Einerseits können staatliche Goldverkäufe zusätzliches Angebot schaffen. Andererseits stützen die Nachfrage asiatischer Käufer und die Reservekäufe von Zentralbanken den physischen Goldmarkt.
Allerdings lässt sich aus den russischen Verkäufen allein keine verlässliche Prognose für den Goldpreis ableiten. Entscheidend bleiben unter anderem die internationale Zinsentwicklung, der US-Dollar, die Nachfrage institutioneller Anleger und die geopolitische Lage.
Am 22. Oktober 2026 geriet Gold zudem deutlich unter Druck. Steigende Ölpreise und Inflationssorgen verstärkten die Erwartung länger hoher US-Zinsen. Der Spotpreis fiel zeitweise auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Monaten.
Damit wird deutlich, dass selbst strukturell hohe Zentralbanknachfrage kurzfristige Preisrückgänge nicht verhindern muss.
Russland verliert Reserven, China gewinnt Spielraum
Die eigentliche Bedeutung der Entwicklung liegt weniger in einzelnen Goldlieferungen als in der unterschiedlichen finanziellen Position beider Staaten.
Russland reduziert einen Teil seiner strategischen Goldbestände, während China seine Reserven weiter ausbaut. Gleichzeitig gewinnt der chinesische Markt für russische Goldproduzenten an Bedeutung.
Das verschafft China eine stärkere Position als Abnehmer russischen Edelmetalls. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Peking russisches Gold unter Marktwert erhält oder dass Russland seine gesamten Goldreserven verkaufen müsste. Für solche Schlussfolgerungen fehlen belastbare Belege.
Fest steht: Die russischen Goldbestände sind innerhalb weniger Monate deutlich geschrumpft, während China seine Goldstrategie konsequent fortsetzt.
Die Entwicklung zeigt eine geopolitische Verschiebung, die über den Goldhandel hinausreicht. Russland benötigt finanzielle Flexibilität und neue Absatzmärkte. China verfügt dagegen über die Möglichkeit, seine Goldreserven weiter auszubauen und zugleich seine Bedeutung im internationalen Edelmetallhandel zu stärken.
Quellen und weiterführende Informationen:
Interfax – Russische Zentralbankreserven im September 2026
Kitco – Russische Goldlieferungen über Hongkong nach China
Reuters – Chinas Zentralbank erhöht ihre Goldreserven
22.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
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