Brasiliens Wahl verändert den Rohstoffmarkt
Seltene Erden, Lithium und Eisenerz: Warum die Stichwahl zwischen Lula und Bolsonaro für internationale Lieferketten entscheidend werden könnte
Brasilien steht vor einer politischen Richtungsentscheidung, die weit über Südamerika hinaus Bedeutung hat. Am 25. Oktober 2026 entscheidet eine Stichwahl zwischen Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Senator Flávio Bolsonaro über die künftige Regierung. Für die internationale Rohstoffwirtschaft geht es dabei um Investitionen in Bergbauprojekte, Umweltauflagen und den Zugang zu strategisch wichtigen Mineralien.
In der ersten Wahlrunde am 4. Oktober erhielt Flávio Bolsonaro rund 47 Prozent der Stimmen, Lula kam auf etwa 45 Prozent. Beide verfehlten die absolute Mehrheit. Besonders aufmerksam verfolgen Unternehmen aus den USA, China und Europa den weiteren Verlauf, denn Brasilien besitzt bedeutende Vorkommen an Eisenerz, Niob, Lithium, Nickel und Seltenen Erden.
Brasiliens Rohstoffvorkommen gewinnen an Bedeutung

Brasilien gehört zu den wichtigsten Rohstoffländern der Welt. Besonders auffällig ist seine Stellung bei Niob, das unter anderem für hochwertige Stahllegierungen benötigt wird. Hinzu kommen umfangreiche Vorkommen Seltener Erden, die beispielsweise für Elektromotoren, Windkraftanlagen und moderne Elektronik wichtig sind.
Nach Angaben des brasilianischen Energieministeriums verfügt das Land über rund 23 Prozent der weltweit erfassten Reserven Seltener Erden. Allerdings bedeutet ein großer Rohstoffbestand nicht automatisch eine entsprechend hohe Förderung. Viele Lagerstätten müssen erst erschlossen werden, und die industrielle Verarbeitung ist technisch anspruchsvoll.
Für internationale Unternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, unter welchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen neue Bergbau- und Verarbeitungsanlagen entstehen können.
Lula setzt auf Verarbeitung im eigenen Land
Die bisherige Regierung unter Lula verfolgt das Ziel, mehr Wertschöpfung innerhalb Brasiliens aufzubauen. Statt ausschließlich Rohstoffe zu exportieren, sollen zunehmend auch Verarbeitung, Raffination und industrielle Fertigung im Land stattfinden.
Im September 2026 wurde dazu eine nationale Politik für kritische und strategische Mineralien gesetzlich verankert. Sie soll Investitionen in Förderung, Verarbeitung und technologische Entwicklung unterstützen.
Bei seiner Stimmabgabe Anfang Oktober bekräftigte Lula, dass Brasilien nicht erneut hauptsächlich als Exporteur unverarbeiteter Rohstoffe auftreten solle. Für ausländische Abnehmer könnte eine solche Strategie langfristig bedeuten, dass häufiger verarbeitete Zwischenprodukte statt reiner Erze gehandelt werden.
Die Regierungspolitik verbindet damit die Erschließung mineralischer Ressourcen mit industriepolitischen Zielen. Entscheidend bleibt allerdings, ob ausreichend Kapital, Technologie und Infrastruktur für die geplanten Verarbeitungsschritte bereitstehen.
Was ein Präsident Bolsonaro verändern könnte
Flávio Bolsonaro steht für eine andere wirtschaftspolitische Ausrichtung und eine mögliche stärkere Annäherung an die Vereinigten Staaten. Für die Rohstoffbranche könnte dies neue Verhandlungen über Handelsabkommen, ausländische Investitionen und den Zugang zu kritischen Mineralien eröffnen.
Auch die Umweltpolitik spielt eine wichtige Rolle. Der neu gewählte Kongress ist stärker von konservativen Parteien geprägt. Damit könnten Initiativen zur Vereinfachung von Genehmigungsverfahren zusätzlichen politischen Rückhalt erhalten.
Ob dadurch Bergbauprojekte tatsächlich schneller umgesetzt würden, ist jedoch offen. Genehmigungen, gerichtliche Entscheidungen, Rechte indigener Gemeinschaften und technische Anforderungen bleiben eigenständige Faktoren.
Ein Regierungswechsel würde daher nicht automatisch einen kurzfristigen Anstieg der Rohstoffproduktion bedeuten.
USA und China konkurrieren um strategische Mineralien
Besonders bei Seltenen Erden rückt Brasilien in den Mittelpunkt internationaler Interessen. Die USA wollen ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten reduzieren. China wiederum ist bereits durch Investitionen und Unternehmensbeteiligungen im brasilianischen Rohstoffsektor vertreten.
Zwischen Brasilien und den Vereinigten Staaten laufen Gespräche über Handelsfragen, bei denen auch kritische Mineralien eine Rolle spielen. Eine künftige Regierung muss entscheiden, wie sie ausländische Investitionen mit den eigenen industriepolitischen Interessen verbindet.
Auch für Europa ist diese Entwicklung relevant. Deutsche Unternehmen interessieren sich unter anderem für brasilianisches Lithium und Seltene Erden. Neue Förderprojekte könnten langfristig zur Diversifizierung der Versorgung beitragen.
Die Germany Trade & Invest beschreibt Brasilien bereits als wichtigen potenziellen Partner für die internationale Rohstoffsicherung.
Welche Folgen sind für Rohstoffpreise denkbar?
Für die Rohstoffmärkte sind vor allem drei Entwicklungen relevant: die künftigen Investitionsbedingungen, die Geschwindigkeit neuer Genehmigungen und die Handelspolitik gegenüber wichtigen Abnehmerländern.
Bei Eisenerz dürfte die chinesische Stahlnachfrage weiterhin einen erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung haben. Bei Lithium und Nickel stehen zusätzlich die Nachfrage aus der Batterieindustrie und die weltweite Produktionskapazität im Mittelpunkt.
Bei Seltenen Erden könnten neue brasilianische Projekte langfristig die geografische Konzentration der Lieferketten verringern. Allerdings benötigen Minen, Trennanlagen und Raffinerien häufig mehrere Jahre bis zur vollständigen Inbetriebnahme.
Ein unmittelbarer Preissprung allein aufgrund des Wahlergebnisses lässt sich deshalb nicht seriös ableiten.
Die Stichwahl entscheidet über den politischen Rahmen
Für internationale Rohstoffunternehmen ist der 25. Oktober ein wichtiger Termin. Unter Lula dürfte die stärkere industrielle Verarbeitung innerhalb Brasiliens ein zentrales Ziel bleiben. Unter Flávio Bolsonaro könnten sich insbesondere die außenwirtschaftlichen Beziehungen und die Prioritäten bei Regulierung und Investitionen verändern.
Die Rohstoffvorkommen bleiben unabhängig vom Wahlausgang bestehen. Welche Projekte tatsächlich realisiert werden und wie stark Brasilien seine Position auf den Weltmärkten ausbauen kann, hängt jedoch wesentlich von den politischen Rahmenbedingungen und den wirtschaftlichen Entscheidungen der kommenden Jahre ab.
Damit ist die Präsidentschaftswahl nicht nur eine innenpolitische Entscheidung, sondern auch ein bedeutender Faktor für die zukünftige Versorgung mit strategischen Rohstoffen.
17.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
Ihre Bewertung, Ihr Kommentar oder Ihre Frage
Bewertungen und Kommentare