Merz warnt die Union – und Aigner wird gefeiert

„Kein Exklusivrecht auf das Kanzleramt“: Friedrich Merz fordert beim CSU-Parteitag Geschlossenheit und Reformen. Doch die ungeklärte Bundespräsidentenfrage sorgt für den größten Beifall.

Von Tobias Dalacker

Inhaltsverzeichnis

München, 24. Oktober 2026. Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf dem CSU-Parteitag in München eindringlich vor einem Verlust politischer Macht und gesellschaftlichen Einflusses der Union gewarnt. CDU und CSU müssten enger zusammenarbeiten, Reformen vorantreiben und ihre politische Führungsrolle immer wieder neu rechtfertigen. Mit der Aussage „Es gibt für uns kein Exklusivrecht auf das Kanzleramt“ machte der CDU-Vorsitzende deutlich, dass die Regierungsverantwortung der Union keineswegs selbstverständlich sei.

Doch während Merz über wirtschaftliche Schwierigkeiten, politische Polarisierung und die Zukunft Deutschlands sprach, sorgte ein anderer Moment für besonders großen Jubel: die namentliche Begrüßung der bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Die CSU-Delegierten erhoben sich von ihren Plätzen und applaudierten minutenlang. Hintergrund ist die weiterhin ungeklärte Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Damit offenbarte der Parteitag zwei politische Herausforderungen gleichzeitig: Die Union muss ihre Position gegenüber konkurrierenden Parteien behaupten und zugleich eine wichtige Personalentscheidung zwischen CDU und CSU abstimmen.

 

Merz sieht die politische Führungsrolle der Union unter Druck

 

Der Bundeskanzler nutzte seinen Auftritt am Samstag, um die Christdemokraten und Christsozialen auf eine schwierige politische Phase einzustimmen. Seine zentrale Botschaft lautete, dass sich die Union weder auf ihre historische Bedeutung noch auf frühere Wahlerfolge verlassen könne.

„Wir werden kämpfen müssen“, erklärte Merz vor den rund 700 Delegierten. CDU und CSU seien angesichts der politischen Polarisierung stärker denn je aufeinander angewiesen.

Friedrich Merz beim CSU-Parteitag in München während seiner Rede über den Zusammenhalt der Union und die Bundespräsidentenfrage um Ilse Aigner

Merz warnte vor politischen Kräften am rechten und linken Rand des Parteienspektrums. Die Union müsse nach seiner Darstellung eine stabilisierende Rolle in Deutschland übernehmen und für eine freiheitliche Gesellschaft eintreten.

Seine Warnung vor einem möglichen Machtverlust war zugleich ein Appell an die eigenen Reihen. Politische Geschlossenheit, wirtschaftliche Handlungsfähigkeit und überzeugende Regierungsarbeit seien notwendig, um Vertrauen zurückzugewinnen.

Der Kanzler stellte damit nicht nur die Zusammenarbeit der Schwesterparteien in den Mittelpunkt. Er verband seine Rede auch mit der Frage, welche politische Rolle CDU und CSU langfristig in Deutschland spielen sollen.

 

Ilse Aigner erhält stehenden Applaus – Merz schweigt zur Kandidatur

 

Der auffälligste Moment der Rede ereignete sich bereits während der Begrüßung. Als Merz nach CSU-Chef Markus Söder auch die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner ansprach, reagierte der Parteitag mit demonstrativer Zustimmung.

Viele Delegierte standen auf und applaudierten. Aigner erhob sich ebenfalls und winkte in die Halle. Die Reaktion war deutlich mehr als eine gewöhnliche Begrüßung einer prominenten Parteikollegin.

Die CSU wirbt seit Monaten dafür, Aigner als Nachfolgerin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aufzustellen. Markus Söder hatte sich bereits am Freitag erneut für sie ausgesprochen.

Die CDU hat sich allerdings noch nicht auf eine gemeinsame Kandidatur festgelegt. Aus Parteikreisen wurde vor dem Parteitag bekannt, dass die Christdemokraten weiterhin den Anspruch erheben, eine eigene Persönlichkeit für das höchste Staatsamt vorzuschlagen.

Merz vermied in seiner Rede jede konkrete Festlegung. Weder sprach er sich ausdrücklich für Aigner aus, noch präsentierte er eine Alternative.

Der demonstrative Beifall machte dennoch sichtbar, wie groß die Unterstützung für Aigner innerhalb der CSU ist. Ob daraus eine gemeinsame Kandidatur der Regierungsparteien entsteht, bleibt offen.

 

Die Bundespräsidentenwahl wird zur Bewährungsprobe für CDU und CSU

 

Die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier muss Anfang 2027 geregelt werden. Der amtierende Bundespräsident scheidet nach zwei Amtszeiten im März aus dem Amt. Die Bundesversammlung soll am 30. Januar 2027 über seine Nachfolge entscheiden.

Die Entscheidung ist politisch bedeutsam, weil CDU, CSU und SPD eine gemeinsame Verständigung anstreben. Eine Kandidatur benötigt über die eigene Partei hinaus Unterstützung, um in der Bundesversammlung erfolgreich zu sein.

Für Markus Söder wäre die Nominierung Aigners auch ein politischer Erfolg der CSU auf Bundesebene. Die bayerische Landtagspräsidentin verfügt über langjährige Regierungserfahrung und war unter anderem Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie bayerische Wirtschaftsministerin.

Innerhalb der CDU werden dagegen weitere Namen diskutiert. Dazu gehören Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bundesfamilienministerin Karin Prien und die frühere CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer.

Eine offizielle gemeinsame Festlegung liegt bislang nicht vor. Der Konflikt ist deshalb noch kein offener Bruch zwischen den Schwesterparteien, verdeutlicht aber ihre unterschiedlichen personellen Interessen.

Gerade vor diesem Hintergrund erhält Merz' Forderung nach Geschlossenheit zusätzliches Gewicht.

 

Wirtschaft und Reformen – Merz fordert mehr Tempo

 

Neben den parteipolitischen Fragen widmete sich Merz ausführlich der wirtschaftlichen Lage Deutschlands. Er forderte eine Beschleunigung der Reformen und betonte, dass Deutschland ein leistungsfähiger Industriestandort bleiben müsse.

Der Kanzler sprach sich erneut für eine breitere Senkung der Stromsteuer aus. Niedrigere Energiekosten sollen Unternehmen entlasten und zugleich die finanziellen Spielräume privater Haushalte verbessern.

Allerdings bleibt die Finanzierung zusätzlicher Entlastungen ein Streitpunkt innerhalb der Bundesregierung. Eine allgemeine Stromsteuersenkung würde erhebliche Steuermindereinnahmen verursachen. Ob und wann eine solche Maßnahme umgesetzt wird, hängt deshalb von weiteren Haushalts- und Koalitionsentscheidungen ab.

Merz richtete seine Reformforderungen ausdrücklich auch an die SPD als Koalitionspartner. Vereinbarte Maßnahmen müssten nach seiner Darstellung schneller umgesetzt werden.

Die wirtschaftspolitische Herausforderung besteht darin, Unternehmen bei Energiepreisen und Standortkosten zu entlasten, ohne die ohnehin angespannten öffentlichen Haushalte zusätzlich zu überfordern.

Damit bleibt die Frage offen, wie die Bundesregierung ihre angekündigten Reformen finanziell und politisch durchsetzen kann.

 

Deutschland 2040 – der Kanzler setzt auf eine langfristige Perspektive

 

Merz versuchte zugleich, über die aktuellen politischen Auseinandersetzungen hinaus eine längerfristige Perspektive zu entwickeln. Deutschland müsse auch in den kommenden Jahrzehnten ein freies, wirtschaftlich leistungsfähiges und gesellschaftlich offenes Land bleiben.

Der Kanzler sprach über ein Deutschland, in dem junge Menschen auch künftig in Freiheit und Sicherheit leben könnten. Dabei betonte er die Bedeutung eines starken Europas und eines Staates, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ermöglicht, statt sie unnötig zu erschweren.

Die langfristige Perspektive soll der Union eine politische Orientierung geben. Für die Bundesregierung bleibt allerdings entscheidend, ob sich daraus bereits in der laufenden Legislaturperiode konkrete Verbesserungen ergeben.

Gerade die wirtschaftliche Entwicklung, die Belastung der Unternehmen und die Finanzierbarkeit staatlicher Leistungen dürften dabei wichtige Maßstäbe bleiben.

 

Union zwischen Geschlossenheit und eigenen Machtinteressen

 

Der CSU-Parteitag verdeutlichte, dass CDU und CSU zwar gemeinsame politische Ziele betonen, bei wichtigen Personalentscheidungen jedoch unterschiedliche Interessen verfolgen.

Merz lobte die Zusammenarbeit mit Markus Söder und unterstrich die gemeinsame Verantwortung der Schwesterparteien. Söder wiederum hatte mit seiner Unterstützung für Ilse Aigner bereits vor dem Auftritt des Kanzlers eine klare personelle Position bezogen.

Die demonstrative Zustimmung für Aigner lässt sich deshalb als Signal der CSU an die CDU-Führung verstehen. Die Christsozialen wollen bei der Entscheidung über das Bundespräsidentenamt maßgeblich mitreden.

Gleichzeitig benötigen beide Parteien einander für ihre bundespolitische Zusammenarbeit. Ein länger anhaltender Konflikt über die Personalfrage könnte die von Merz geforderte Geschlossenheit belasten.

Dass der Kanzler auf eine konkrete Antwort verzichtete, dürfte ihm zunächst politischen Spielraum erhalten. Eine dauerhafte Lösung ersetzt dieses Schweigen jedoch nicht.

 

Politische Einordnung – zwei Botschaften bleiben aus München

 

Der Auftritt von Friedrich Merz beim CSU-Parteitag war sowohl eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Grundsatzrede als auch ein Appell an den Zusammenhalt der Union.

Seine Aussage, dass CDU und CSU kein dauerhaftes Anrecht auf das Kanzleramt hätten, beschreibt eine zentrale Herausforderung demokratischer Parteien: Politische Macht muss durch Wahlen immer wieder neu legitimiert werden. Historische Erfolge garantieren keine künftigen Mehrheiten.

Gleichzeitig zeigte die Reaktion auf Ilse Aigner, dass die Union ihre internen Personalfragen noch nicht abschließend geklärt hat. Während die CSU eine Kandidatin sichtbar unterstützt, hält sich die CDU weitere Optionen offen.

Für die kommenden Wochen ergeben sich daraus zwei unterschiedliche Aufgaben: Die Bundesregierung muss ihre wirtschafts- und sozialpolitischen Vorhaben voranbringen. CDU, CSU und SPD müssen sich außerdem auf einen tragfähigen Vorschlag für das Bundespräsidentenamt verständigen.

Der CSU-Parteitag lieferte damit ein bemerkenswertes Bild: Friedrich Merz sprach über die politische Zukunft der Union. Den emotionalsten Moment seiner Rede löste jedoch eine Politikerin aus, deren mögliche nächste Aufgabe noch nicht entschieden ist.

 

Quellen und weiterführende Informationen: Tagesschau – Merz beim CSU-Parteitag und die Aigner-Frage, Handelsblatt – Merz betont den Zusammenhalt der Union, n-tv – Die Debatte über Ilse Aigner.

 

24.10.2026 - Tobias Dalacker - edelmetalle-aktuell@muenzkauf.de

 

 

 






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Quelle: https://blog.muenzkauf.de/Merz-beim-CSU