Vier von zehn S&P-Aktien liegen im Minus
Der US-Leitindex steigt 2026 deutlich, doch unter der Oberfläche zeigt sich eine ungewöhnlich schmale Rally mit wachsendem Konzentrationsrisiko
Der S&P 500 bewegt sich 2026 nahe seinen Rekordständen und liegt seit Jahresbeginn rund 14 Prozent im Plus. Unter der Oberfläche sieht die Lage jedoch deutlich weniger robust aus: Mehr als vier von zehn Unternehmen im Index stehen im laufenden Jahr im Minus.
Damit wird eine Schwäche sichtbar, die der hohe Indexstand verdeckt. Die Kursgewinne konzentrieren sich stark auf einige große Technologie-, Halbleiter- und KI-Werte. Für Anleger ist deshalb nicht nur wichtig, wohin der S&P 500 steigt, sondern wie viele seiner 500 Unternehmen diese Bewegung tatsächlich mittragen.
Der Rekordindex zeigt nur einen Teil des Marktes

Nach einer aktuellen Reuters-Auswertung liegt der S&P 500 zwar rund 14 Prozent über dem Jahresbeginn, doch mehr als 40 Prozent seiner Mitglieder haben 2026 an Wert verloren. Rund ein Viertel der Aktien liegt sogar mehr als elf Prozent im Minus.
Die durchschnittliche Entwicklung eines Unternehmens fällt damit wesentlich schwächer aus als die Schlagzeile des Index vermuten lässt. Der Medianwert im S&P 500 kommt lediglich auf ein Plus von ungefähr vier Prozent.
Die aktuelle Analyse zur ungewöhnlich schmalen Wall-Street-Rally veröffentlicht Reuters.
KI- und Chipaktien tragen einen großen Teil der Gewinne
Zu den stärksten Gewinnern gehören erneut Unternehmen aus dem Umfeld künstlicher Intelligenz und Halbleiter. Titel wie Nvidia, Micron und Sandisk haben von hohen Investitionen in Rechenzentren, Speicherchips und KI-Infrastruktur profitiert.
Da die größten Unternehmen im klassischen S&P 500 nach ihrer Börsenbewertung gewichtet werden, besitzen ihre Kursbewegungen einen erheblichen Einfluss auf den Gesamtindex. Ein kräftiges Plus weniger Megacaps kann deshalb Verluste bei zahlreichen kleineren Indexmitgliedern überdecken.
Genau dieser Effekt erklärt, warum ein Index Rekorde erreichen kann, obwohl ein großer Teil seiner Aktien deutlich schwächer abschneidet.
Weniger als die Hälfte liegt über dem langfristigen Trend
Ein weiteres Warnsignal liefert die technische Marktbreite. Weniger als die Hälfte der S&P-500-Unternehmen notiert derzeit oberhalb ihrer 200-Tage-Linie. Diese Kennzahl wird häufig genutzt, um zu beurteilen, ob ein Aufwärtstrend von vielen Aktien getragen wird.
Je geringer dieser Anteil wird, desto stärker hängt die Entwicklung des Gesamtmarktes von wenigen großen Gewinnern ab.
Eine schmale Rally muss nicht unmittelbar enden. Sie macht den Markt jedoch anfälliger: Schwächeln einige der dominierenden Technologiewerte gleichzeitig, fehlen möglicherweise genügend andere Branchen, um die Verluste aufzufangen.
Hohe Zinsen belasten schwächere Unternehmen stärker
Ein Grund für die großen Unterschiede innerhalb des Index liegt im Zinsumfeld. Langfristige US-Staatsanleihen bieten inzwischen Renditen von mehr als fünf Prozent. Kredite und Refinanzierungen sind dadurch erheblich teurer geworden.
Große Technologiekonzerne verfügen häufig über hohe Bargeldbestände, starke Cashflows und einen vergleichsweise guten Zugang zum Kapitalmarkt. Kleinere oder stärker verschuldete Unternehmen spüren die höheren Finanzierungskosten wesentlich deutlicher.
Besonders Immobilien-, Konsum- und andere zinssensitive Aktien haben deshalb Schwierigkeiten, mit den großen KI-Gewinnern Schritt zu halten.
Öl über 100 Dollar erhöht den Druck
Hinzu kommen die weiterhin hohen Energiepreise. Brent-Rohöl bewegte sich am Montag erneut im Bereich von mehr als 100 US-Dollar je Barrel. Für Unternehmen steigen damit Transport-, Produktions- und Logistikkosten.
Der Energiesektor profitiert teilweise von höheren Preisen. Für viele andere Branchen wirken sie dagegen wie eine zusätzliche Belastung. Gleichzeitig erschwert teures Öl der Federal Reserve eine schnelle Lockerung der Geldpolitik.
Die Kombination aus hohen Zinsen und hohen Energiepreisen erklärt damit einen Teil der großen Unterschiede zwischen den einzelnen Aktien.
Die Berichtssaison wird zum Belastungstest
In dieser Woche startet die amerikanische Berichtssaison mit mehreren Großbanken. Danach folgen nach und nach Industrie-, Konsum- und Technologieunternehmen.
Für den Gesamtmarkt wird dabei nicht nur entscheidend sein, ob die großen KI-Konzerne erneut starke Zahlen melden. Wichtiger könnte werden, ob sich das Gewinnwachstum auf mehr Branchen ausweitet.
Der Markt erwartet für das dritte Quartal erneut kräftige Gewinnsteigerungen. Die aktuellen Börsenbewegungen zeigen jedoch, dass hohe Erwartungen allein nicht ausreichen. Bereits bei Samsung und TSMC führten zuletzt selbst außergewöhnlich starke Geschäftszahlen nicht automatisch zu steigenden Aktienkursen.
Gold profitiert von der Unsicherheit auf andere Weise
Für Gold entsteht aus der schmalen Aktienrally kein direkter Kurstreiber. Sie erhöht jedoch die Bedeutung von Diversifikation. Wenn immer größere Teile eines Aktienindex von wenigen Unternehmen abhängig werden, suchen institutionelle Anleger häufig zusätzliche Anlageklassen.
Hohe Anleiherenditen bleiben grundsätzlich ein Gegenwind für Gold. Gleichzeitig sorgen geopolitische Risiken, hohe Staatsverschuldung und die starke Konzentration an den Aktienmärkten für anhaltendes Interesse an unabhängigen Reservewerten.
Gold notiert deshalb trotz des historisch hohen US-Zinsniveaus weiterhin auf außergewöhnlich hohem Niveau.
Ein Rekord allein bedeutet noch keinen gesunden Markt
Die aktuelle Entwicklung zeigt, warum bei Aktienindizes nicht nur der Punktestand betrachtet werden sollte. Ein steigender S&P 500 kann gleichzeitig mit schwachen Kursen vieler einzelner Unternehmen auftreten.
Eine nachhaltigere Rally würde dadurch erkennbar, dass mehr Aktien und Branchen neue Hochs erreichen und sich die Marktbreite verbessert. Bleibt die Entwicklung dagegen fast ausschließlich von KI- und Technologieunternehmen abhängig, steigt das Konzentrationsrisiko weiter.
Der S&P 500 steht damit zwar nahe seinen Rekorden. Unter der Oberfläche ist der amerikanische Aktienmarkt jedoch deutlich weniger einheitlich, als es der Index vermuten lässt.
12.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
Ihre Bewertung, Ihr Kommentar oder Ihre Frage
Bewertungen und Kommentare