Ölpreis-Schock – Trump sucht verzweifelt Schuldige
Erst die Ukraine, jetzt der Iran: Kurz vor den US-Zwischenwahlen steigen die Ölpreise wieder kräftig. Trumps wechselnde Schuldzuweisungen offenbaren die Schwächen seiner Energiepolitik.
Donald Trump läuft die Zeit davon. Noch elf Tage bleiben bis zu den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November 2026. Doch ausgerechnet der Ölmarkt, dessen Entwicklung der US-Präsident so dringend unter Kontrolle bringen möchte, liefert ihm die nächste schlechte Nachricht. Die Nordseesorte Brent verteuerte sich am Donnerstag um rund vier Prozent auf 113,17 US-Dollar je Barrel und erreichte damit den höchsten Schlusskurs seit Anfang Mai. Während amerikanische Autofahrer weiterhin deutlich mehr für Benzin und Diesel bezahlen als vor einem Jahr, sucht Trump erneut nach Verantwortlichen. Bemerkenswert ist dabei weniger, wen er beschuldigt, sondern wie schnell die Schuldigen wechseln.
Am 5. Oktober waren es die Ukraine und die amerikanischen Demokraten. Am 13. Oktober gerieten die Huthi-Milizen im Jemen ins Visier seiner Vorwürfe. Seit dem 22. Oktober steht wieder der Iran im Mittelpunkt. Was wie eine hektische politische Schadensbegrenzung wirkt, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Hat das Weiße Haus überhaupt noch eine überzeugende Strategie, um den selbst mitverursachten Energieschock zu beenden?
Erst sollte die Ukraine für die hohen Spritpreise verantwortlich sein
Anfang Oktober versuchte Trump, die öffentliche Aufmerksamkeit von den Folgen des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran auf einen anderen Konflikt zu lenken. Ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien seien wesentlich für die steigenden amerikanischen Benzinpreise verantwortlich, erklärte er am 5. Oktober auf seiner Plattform Truth Social.
Gleichzeitig beschuldigte Trump demokratisch regierte US-Bundesstaaten wie Kalifornien, durch ihre Politik Raffinerieschließungen zu verursachen und damit die Kraftstoffversorgung zu verteuern.
Die Argumentation hatte einen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Kern: Ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien können tatsächlich das Angebot an Ölprodukten beeinträchtigen, insbesondere bei Diesel. Daraus jedoch eine maßgebliche Erklärung für die gesamte amerikanische Energiepreiskrise abzuleiten, greift erheblich zu kurz.
Der wesentlich größere geopolitische Einschnitt war der Krieg gegen den Iran, den die USA und Israel im Februar 2026 begonnen hatten. Die daraus entstandenen Störungen des Öltransports durch die Straße von Hormus belasteten den Weltmarkt unmittelbar.
Das Problem für Trump: Wer die Ukraine zum Hauptverantwortlichen erklärt, muss erklären, weshalb ausgerechnet die Folgen des eigenen Iran-Krieges bei der Ursachenanalyse in den Hintergrund treten sollen. Die Nachrichtenagentur Reuters dokumentierte Trumps Vorwürfe vom 5. Oktober und verwies zugleich auf die erheblichen Auswirkungen des Iran-Konflikts.
Jetzt soll plötzlich der Iran den Ölpreis manipulieren

Am Donnerstag, dem 22. Oktober, folgte die nächste Erklärung. Nun behauptete Trump, der Iran versuche gezielt, die Ölpreise vor den amerikanischen Zwischenwahlen in die Höhe zu treiben. Teheran erfinde sogar Angriffe und Minenvorfälle, um die Energiemärkte zu verunsichern.
Auslöser waren iranische Meldungen über angeblich sieben beschädigte oder in Brand geratene Schiffe in der Straße von Hormus und im Persischen Golf. Die iranischen Revolutionsgarden behaupteten, mehrere Tanker seien angegriffen worden oder auf Seeminen gefahren.
Diese konkreten Vorfälle waren zunächst nicht unabhängig bestätigt. Daraus folgt allerdings ebenso wenig, dass sie tatsächlich erfunden wurden. Trumps Behauptung über fingierte Zwischenfälle war zum Zeitpunkt seiner Äußerung ebenfalls nicht belegt.
Dass Iran versucht, die politische Verwundbarkeit des amerikanischen Präsidenten auszunutzen, ist dagegen keineswegs abwegig. Reuters berichtete bereits Mitte Oktober unter Berufung auf iranische Funktionäre, dass Teheran durch Angriffe und eine Fortsetzung der Verhandlungen ohne rasche Einigung Druck auf Washington ausüben wolle.
Der entscheidende Widerspruch liegt deshalb woanders: Trump behandelt die Ölpreiskrise zunehmend so, als werde sie vor allem durch die Absichten seiner politischen Gegner verursacht. Dabei ist sie auch eine direkte Folge einer militärischen Eskalation, an der seine eigene Regierung maßgeblich beteiligt war.
Über die neuesten Anschuldigungen berichtete Reuters am 22. Oktober 2026.
Der Ölmarkt widerspricht der politischen Beruhigungsstrategie
Während Trump versucht, die Verantwortung neu zu verteilen, entwickelt sich die Lage am internationalen Ölmarkt in eine für Washington ungünstige Richtung.
Am 22. Oktober verteuerte sich Brent-Rohöl um 4,35 Dollar auf 113,17 Dollar je Barrel. Die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 2,32 Dollar auf 99,47 Dollar. Damit bewegte sich auch die amerikanische Referenzsorte wieder unmittelbar an der psychologisch wichtigen Marke von 100 Dollar.
Auslöser des jüngsten Preissprungs waren vor allem neue Angriffe der mit Iran verbündeten Huthi-Miliz auf Ziele in Saudi-Arabien und die damit verbundene Sorge vor weiteren Unterbrechungen der Energieversorgung.
Saudi Aramco veranlasste angesichts der verschärften Sicherheitslage die Evakuierung von Mitarbeitern aus seiner Unternehmenszentrale in Dhahran. Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Risiken für Handelsschiffe im Persischen Golf und auf den angrenzenden Seewegen.
Die Preisentwicklung ist besonders aufschlussreich, weil sich die Rohölexporte aus dem Nahen Osten zwischenzeitlich deutlich erholt haben. Nach Schätzungen von Morgan Stanley lagen sie in der Vorwoche bei rund 17 Millionen Barrel täglich. In den zwölf Monaten vor Kriegsbeginn waren es nach Daten des Analyseunternehmens Kpler durchschnittlich etwa 18 Millionen Barrel gewesen.
Mehr exportiertes Öl bedeutet allerdings noch keine sichere Energieversorgung. Steigende Transportkosten, Angriffe auf Infrastruktur und die Möglichkeit einer erneuten militärischen Eskalation führen dazu, dass Händler erhebliche Risikoprämien einkalkulieren.
Der Markt bewertet somit nicht allein die heute verfügbaren Ölmengen, sondern auch die Gefahr, dass diese Mengen morgen wieder ausfallen könnten. Genau diese Unsicherheit lässt sich mit politischen Erklärungen allein nicht beseitigen.
Die aktuellen Preise und Hintergründe dokumentiert Reuters in seinem Ölmarktbericht vom 22. Oktober.
Was von Trumps Versuchen zur Preissenkung übrig bleibt
Die amerikanische Regierung ist bei der Bekämpfung der hohen Kraftstoffkosten keineswegs untätig geblieben. Washington lockerte Sanktionen auf russische Kraftstofflieferungen, drängte internationale Partner zur Freigabe von Ölreserven und erleichterte zeitweise bestimmte Transportvorschriften. Hinzu kamen finanzielle Entlastungsmaßnahmen, darunter ein milliardenschweres Hilfsprogramm für amerikanische Landwirte.
Doch diese Eingriffe konnten das grundlegende Problem bisher nicht lösen.
Nach Angaben des amerikanischen Automobilclubs AAA kostete eine Gallone reguläres Benzin am 22. Oktober durchschnittlich rund 4,27 Dollar. Ein Jahr zuvor waren es etwa 3,07 Dollar. Bei Diesel lag der Durchschnitt bei rund 6,31 Dollar, gegenüber etwa 3,63 Dollar im Vorjahr.
Zwar waren die Benzinpreise gegenüber dem Vormonat etwas gesunken. Von einer Rückkehr zum früheren Preisniveau konnte jedoch keine Rede sein. Zudem droht der jüngste Anstieg des Rohölpreises eine weitere Entlastung an den Tankstellen zu erschweren.
Damit entsteht für Trump ein unangenehmer Widerspruch. Einerseits demonstriert seine Regierung mit kurzfristigen Maßnahmen Handlungsfähigkeit. Andererseits bleiben die hohen Energiekosten Ausdruck eines ungelösten außenpolitischen Konflikts, für dessen Entwicklung Washington selbst erhebliche Verantwortung trägt.
Die Lockerung russischer Energiesanktionen verdeutlicht dieses Dilemma besonders deutlich: Um amerikanische Verbraucher kurzfristig zu entlasten, nimmt die Regierung zusätzliche Spannungen mit der Ukraine und europäischen Partnern in Kauf. Ob die Maßnahmen die Verbraucherpreise tatsächlich wesentlich senken, ist eine andere Frage.
Elf Tage bis zur Wahl – doch eine Lösung fehlt
Der 3. November wird für Trump und seine Republikaner zur politischen Bewährungsprobe. Die hohen Lebenshaltungskosten gehören zu den zentralen Sorgen amerikanischer Wähler. Besonders steigende Benzin- und Dieselpreise sind im Alltag unmittelbar sichtbar.
Die Ironie der gegenwärtigen Situation besteht darin, dass Trump einen Teil seiner politischen Glaubwürdigkeit auf das Versprechen günstiger Energie aufgebaut hat. Nun steht er vor einem internationalen Ölmarkt, den er trotz weitreichender wirtschaftlicher und militärischer Machtmittel nicht nach seinen Vorstellungen steuern kann.
Am 8. Oktober hatte der Präsident angekündigt, vor den Zwischenwahlen keine weiteren amerikanischen Angriffe auf Iran durchzuführen. Berichte über mögliche neue Militärschläge nach dem Wahltermin sorgen allerdings bereits für zusätzliche Unsicherheit.
Auch auf iranischer Seite besteht offensichtlich wenig Bereitschaft, Trump unmittelbar vor dem Wahltermin einen diplomatischen Erfolg zu ermöglichen. Reuters berichtete am 20. Oktober über entsprechende Überlegungen innerhalb der iranischen Führung.
Die amerikanische Regierung steckt dadurch in einer schwierigen Lage: Militärischer Druck kann die Energiepreise zusätzlich erhöhen, während eine diplomatische Einigung bislang nicht absehbar ist. Ein bloßes Abwarten könnte politisch ebenfalls teuer werden.
Eine nachvollziehbare Strategie müsste deshalb nicht nur kurzfristige Öltransporte sichern, sondern einen belastbaren Weg zur Deeskalation und zu einer dauerhaft stabileren Versorgung aufzeigen.
Politische Nervosität ersetzt keine Energiestrategie
Es wäre zu einfach, sämtliche Schwierigkeiten auf Donald Trump persönlich zurückzuführen. Der internationale Ölmarkt hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören die Entscheidungen der OPEC-Staaten, die Produktionsentwicklung in den USA, Kriege, Sanktionen, Raffineriekapazitäten und die globale Nachfrage.
Auch kann weder die Ukraine von jedem Einfluss auf die Energiepreise freigesprochen noch die Verantwortung Irans für die Eskalation in der Golfregion ausgeblendet werden.
Das entlastet die amerikanische Regierung jedoch nicht von ihrer eigenen Verantwortung. Im Gegenteil: Gerade weil die Lage komplex ist, müsste die politische Führung Ursachen sorgfältig unterscheiden und ihre Maßnahmen an einer erkennbaren langfristigen Strategie ausrichten.
Stattdessen entsteht derzeit ein anderer Eindruck. Sobald eine Erklärung politisch nicht mehr trägt, rückt der nächste Verantwortliche in den Vordergrund. Erst ukrainische Raffinerieangriffe, dann Huthi-Attacken und schließlich angeblich erfundene iranische Zwischenfälle. Die Öffentlichkeit erhält wechselnde Schuldzuweisungen, während die strukturellen Probleme bestehen bleiben.
Diese Kommunikation wirkt zunehmend defensiv. Von politischer Panik im wörtlichen Sinne lässt sich ohne Einblick in das Weiße Haus nicht sprechen. Doch die Nervosität ist angesichts des nahenden Wahltermins und der steigenden Ölpreise kaum zu übersehen.
Die eigentliche Schwäche liegt nicht darin, dass Trump die Ölpreise nicht allein bestimmen kann. Das konnte noch kein amerikanischer Präsident. Sie liegt vielmehr darin, dass seine Regierung Erwartungen geweckt hat, die sich unter den gegenwärtigen geopolitischen Bedingungen nicht erfüllen lassen.
Wer einen Krieg führt, dessen wirtschaftliche Folgen nicht beherrscht und anschließend immer neue Schuldige präsentiert, muss sich die Frage nach der eigenen politischen Planung gefallen lassen.
Und genau diese Frage wird elf Tage vor den Midterms immer dringlicher.
23.10.2026 - Rina Teitscheid - edelmetalle-aktuell@muenzkauf.de
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