Digitales Gold vor einem Milliardenboom?

Neue Studie von World Gold Council und Boston Consulting Group sieht enormes Wachstumspotenzial. Was bedeutet das für Goldbarren, Münzen und Anleger?

Von Tobias Dalacker

Der internationale Goldmarkt könnte vor einer grundlegenden Veränderung stehen. Eine am 19. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung des World Gold Council (WGC) und der Boston Consulting Group (BCG) beziffert die langfristig erschließbare Nachfrage nach digitalem Gold auf bis zu 700 Milliarden US-Dollar. Das wäre ein gewaltiger Sprung für einen Markt, dessen gegenwärtiges Volumen die Studienautoren auf lediglich 45 bis 55 Milliarden US-Dollar schätzen.

Besonders bemerkenswert ist dabei nicht allein die Größenordnung. Die Untersuchung legt nahe, dass digitale Goldprodukte neue Käufergruppen erschließen könnten, anstatt lediglich bestehende Investitionen in Goldbarren, Anlagemünzen oder börsengehandelte Goldprodukte zu ersetzen.

Allerdings handelt es sich bei den 700 Milliarden Dollar ausdrücklich nicht um eine kurzfristige Marktprognose. Die Zahl beschreibt ein theoretisch erschließbares Nachfragepotenzial unter günstigen Voraussetzungen. Ob dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft werden kann, hängt wesentlich von Vertrauen, Regulierung, Kosten und der technischen Infrastruktur ab.

 

Was die gemeinsame Studie tatsächlich untersucht hat

 

Für die Untersuchung mit dem Titel „Digital Gold: Unlocking a $700-Billion Opportunity“ wurden mehr als 12.000 Privatanleger weltweit befragt und 20 Branchenexperten interviewt. Ergänzend entwickelten die Studienautoren Modelle zur möglichen künftigen Marktentwicklung.

Im Mittelpunkt stand die Frage, weshalb digitales Gold trotz zunehmender technischer Möglichkeiten bislang nur einen kleinen Teil des internationalen Goldmarktes ausmacht.

Nach Angaben der Studie können sich nahezu neun von zehn befragten Privatanlegern unter geeigneten Voraussetzungen grundsätzlich vorstellen, in digitales Gold zu investieren. Diese Bereitschaft ist jedoch nicht mit einer verbindlichen Kaufabsicht gleichzusetzen.

Das Ergebnis zeigt vor allem eine erhebliche Lücke zwischen theoretischem Interesse und tatsächlichem Anlageverhalten.

Die vollständige Untersuchung ist beim World Gold Council veröffentlicht.

 

Was digitales Gold von physischem Gold unterscheidet

 

Physische Goldbarren und Goldmünzen als Grundlage digitaler Goldanlagen und tokenisierter Eigentumsansprüche

Digitales Gold bezeichnet im Rahmen der Studie Anlageformen, bei denen Goldbestände über digitale Systeme erworben, gehalten und übertragen werden können. Dazu gehören insbesondere digital verwahrtes Gold und tokenisierte Goldprodukte.

Bei digital verwahrtem Gold wird ein Anspruch beziehungsweise eine vertraglich definierte Berechtigung an verwahrten Goldbeständen über eine elektronische Plattform verwaltet. Bei tokenisiertem Gold werden entsprechende Rechte durch digitale Token repräsentiert, häufig unter Nutzung einer Blockchain.

Entscheidend ist die konkrete rechtliche und wirtschaftliche Konstruktion. Ein digitaler Token bedeutet nicht automatisch, dass sein Inhaber unmittelbarer Eigentümer eines bestimmten Goldbarrens ist. Je nach Anbieter können unterschiedliche Eigentums-, Forderungs- und Auslieferungsrechte bestehen.

Auch die physische Hinterlegung muss überprüfbar sein. Anleger sollten unterscheiden, ob Gold vollständig zugeordnet und verwahrt wird oder ob lediglich ein schuldrechtlicher Anspruch gegen einen Emittenten besteht.

Die Studie grenzt digitale Goldprodukte in ihrer Marktdefinition von klassischen goldgedeckten ETFs und vergleichbaren börsengehandelten Anlageformen ab.

 

Bis 2031 könnte sich der Markt mehr als verdreifachen

 

Das Basisszenario der Untersuchung geht davon aus, dass der Markt für digitales Gold bis 2031 auf etwa 160 bis 170 Milliarden US-Dollar wachsen könnte. Dafür unterstellen die Studienautoren eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von ungefähr 27 Prozent.

Unter günstigeren Bedingungen, insbesondere bei einem schnelleren Abbau bestehender Markthindernisse, halten die Autoren auch ein Volumen von 270 bis 280 Milliarden US-Dollar bis 2031 für möglich.

Die häufig hervorgehobenen 700 Milliarden Dollar sind dagegen als langfristiges Potenzial zu verstehen, das nur bei weitreichender Überwindung der gegenwärtigen Zugangshürden erschlossen werden könnte.

Diese Unterscheidung ist für die Interpretation wesentlich. Die Untersuchung prognostiziert weder einen Goldpreisanstieg um einen bestimmten Prozentsatz noch einen garantierten Kapitalzufluss von 700 Milliarden Dollar innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Die modellierten Marktvolumina sind zudem keine unmittelbar mit zusätzlich benötigten Goldtonnen gleichzusetzenden Größen. Goldpreise, bestehende Bestände und die Umschichtung anderer Anlagen beeinflussen die tatsächliche physische Nachfrage.

 

Tokenisiertes Gold gewinnt bereits deutlich an Bedeutung

 

Ein Teilbereich des digitalen Goldmarktes zeigt bereits eine dynamische Entwicklung. Laut WGC und BCG hat sich der Marktwert tokenisierter Goldprodukte seit Ende 2024 etwa verfünffacht und erreicht inzwischen rund sechs Milliarden US-Dollar.

Im ersten Quartal 2026 überstieg das kumulierte Spot-Handelsvolumen tokenisierten Goldes nach Angaben der Studie 90 Milliarden US-Dollar. Damit wurde innerhalb eines Quartals ein höheres Handelsvolumen erreicht als im gesamten Jahr 2025.

Ein hohes Handelsvolumen darf allerdings nicht mit einem entsprechenden Zufluss neuen Kapitals verwechselt werden. Dieselben Bestände können innerhalb kurzer Zeit mehrfach gehandelt werden.

Dennoch verdeutlicht die Entwicklung, dass die technische Abwicklung goldbezogener Transaktionen zunehmend über digitale Infrastrukturen erfolgt.

 

Jüngere Anleger könnten den Goldmarkt verändern

 

Ein wesentliches Ergebnis betrifft die Altersstruktur potenzieller Käufer. Unter den 25- bis 34-Jährigen kennen nach der Untersuchung bereits 50 Prozent digitale Goldprodukte. Bei Menschen ab 55 Jahren beträgt dieser Anteil lediglich 23 Prozent.

Jüngere Befragte zeigen zudem eine deutlich höhere Bereitschaft, digitales Gold zu erwerben, sofern die wesentlichen Hindernisse beseitigt werden.

Für den traditionellen Goldmarkt ist das von Bedeutung. Während physische Goldbarren und Anlagemünzen eine unmittelbare Verbindung zum Edelmetall herstellen, ermöglichen digitale Produkte auch kleinere Anlagebeträge und eine Integration in bestehende Finanzanwendungen.

In Ländern wie China, Indien und Indonesien ist digitales Gold teilweise bereits in Zahlungsplattformen, Banking-Apps und andere weitverbreitete Anwendungen eingebunden.

Die Studie berichtet, dass die Verbreitung entsprechender Goldanlagen in Märkten mit solchen Zugangsmöglichkeiten bis zu siebenmal höher liegt als in weniger entwickelten digitalen Vertriebsmärkten.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass allein die Bereitstellung einer App automatisch eine siebenfach höhere Nachfrage erzeugt. Auch Einkommen, Marktstruktur, Regulierung und kulturelle Unterschiede können eine Rolle spielen.

 

Digitales Gold könnte zusätzliche Nachfrage schaffen

 

Besonders interessant ist die Herkunft der potenziellen Nachfrage. Rund 65 Prozent des von der Studie identifizierten latenten Nachfragepotenzials entfallen auf Menschen, die bislang noch nicht in Gold investiert haben.

Unter den bereits aktiven digitalen Goldanlegern besaßen 52 Prozent vor ihrem ersten digitalen Goldkauf keine andere Goldanlage. Von dieser Gruppe haben nach den Studienangaben später 92 Prozent auch weitere Formen von Gold erworben.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass digitale Goldprodukte für einen Teil der Anleger den Einstieg in den gesamten Goldmarkt erleichtern können.

Die Autoren schätzen, dass im Basisszenario bis 2031 rund 95 Milliarden US-Dollar zusätzliche Nachfrage entstehen könnten, die nicht lediglich aus einer Verlagerung bestehender Goldinvestitionen resultiert.

Ob sich daraus langfristig ein entsprechend höherer physischer Goldbedarf entwickelt, hängt von der tatsächlichen Deckung der Produkte, dem Anlegerverhalten und der Entwicklung der bestehenden Goldbestände ab.

 

Vier Hindernisse entscheiden über den Erfolg

 

Die Untersuchung identifiziert vier zentrale Herausforderungen: Vertrauen, Zugang, zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten und Kosten.

Vertrauen: Anleger müssen nachvollziehen können, ob die ausgewiesenen Goldbestände tatsächlich existieren, wo sie verwahrt werden und welche rechtlichen Ansprüche bestehen. Unabhängige Prüfungen, transparente Bestandsnachweise und verlässliche Auslieferungsregelungen sind dafür wesentlich.

Zugang: Digitale Goldanlagen müssen einfach verständlich und über vertraute Finanzanwendungen erreichbar sein. Technische Komplexität und unübersichtliche Vertragsbedingungen können die Verbreitung erheblich begrenzen.

Nutzungsmöglichkeiten: Die Befragten zeigen Interesse an Funktionen, die über den reinen Goldbesitz hinausgehen. Dazu zählen die Verwendung als Sicherheit für Kredite und bestimmte Formen der Wertpapier- beziehungsweise Goldleihe. Solche Konstruktionen können allerdings zusätzliche Gegenparteirisiken erzeugen.

Kosten: Digitale Produkte müssen hinsichtlich Kaufspannen, Verwahrung, Transaktionen und möglicher Auslieferungskosten mit bestehenden Goldanlageformen konkurrieren können.

Gerade das Vertrauen bleibt ein entscheidender Faktor. Eine technisch schnelle Übertragung eines Goldtokens sagt für sich genommen noch nichts über die Sicherheit der zugrunde liegenden Vermögensrechte aus.

 

World Gold Council arbeitet an gemeinsamer Infrastruktur

 

Die Untersuchung steht im Zusammenhang mit einer weitergehenden Initiative des World Gold Council. Bereits im März 2026 stellte die Organisation gemeinsam mit BCG ein Konzept unter der Bezeichnung „Gold as a Service“ vor.

Ziel ist eine gemeinsame technische und organisatorische Infrastruktur für digitale Goldprodukte. Sie soll unter anderem die Ausgabe digitaler Goldansprüche, die Abstimmung physischer Bestände, Verwahrprozesse, Compliance und Rückgabemöglichkeiten unterstützen.

Die geplante Standardisierung könnte es Anbietern erleichtern, digitale Goldprodukte mit nachvollziehbarer physischer Hinterlegung zu entwickeln.

Das Vorhaben befindet sich jedoch in der Entwicklung. Eine gemeinsame Infrastruktur ersetzt weder eine wirksame staatliche Regulierung noch eine sorgfältige Prüfung einzelner Produkte.

Weitere Einzelheiten beschreibt die offizielle Mitteilung des World Gold Council zur Infrastrukturinitiative.

 

Was bedeutet die Entwicklung für Goldmünzen und Goldbarren?

 

Die zunehmende Digitalisierung verändert vor allem die Art und Weise, wie Anleger Zugang zum Goldmarkt erhalten. Die grundlegenden Eigenschaften des physischen Edelmetalls bleiben davon unberührt.

Wer eine Goldmünze oder einen Goldbarren unmittelbar besitzt, hält einen materiellen Vermögenswert. Bei eigenständiger Verwahrung besteht grundsätzlich keine laufende Abhängigkeit von der Zahlungsfähigkeit eines digitalen Goldemittenten.

Allerdings entstehen bei physischem Gold andere Anforderungen. Dazu gehören sichere Lagerung, Versicherung, Echtheitsprüfung und gegebenenfalls Transportkosten.

Digitale Goldanlagen ermöglichen dagegen häufig kleinere Transaktionen, eine elektronische Bestandsverwaltung und eine schnellere Übertragung von Ansprüchen. Dafür können zusätzliche Abhängigkeiten von Verwahrstellen, Plattformbetreibern, technischen Systemen und vertraglichen Regelungen entstehen.

Ein besonders wichtiger Unterschied zeigt sich in Krisensituationen. Physisch verfügbares Gold kann unabhängig von einer digitalen Handelsplattform gehalten werden. Digitale Goldansprüche können hingegen von funktionierenden IT-Systemen, Zahlungswegen und der Leistungsfähigkeit beteiligter Unternehmen abhängen.

Auch bei vollständig physisch gedeckten digitalen Goldprodukten ist deshalb nicht automatisch dieselbe Unabhängigkeit gegeben wie beim unmittelbaren Besitz eines Goldbarrens.

 

Wie belastbar sind die 700 Milliarden Dollar?

 

Die Untersuchung liefert eine umfangreiche Datengrundlage für die Einschätzung möglicher Entwicklungen. Gleichzeitig müssen ihre methodischen Grenzen berücksichtigt werden.

Eine Befragung zur grundsätzlichen Investitionsbereitschaft misst zunächst Einstellungen und Absichten. Ob daraus tatsächliche Käufe entstehen, hängt unter anderem von der wirtschaftlichen Lage, den Goldpreisen, der Regulierung und der konkreten Produktgestaltung ab.

Hinzu kommt, dass der World Gold Council als Branchenorganisation ein eigenes Interesse an der Weiterentwicklung des Goldmarktes besitzt. Auch die gemeinsam mit BCG entwickelte Infrastrukturinitiative ist Teil dieses Umfelds.

Das entwertet die Untersuchung nicht, macht aber eine kritische Einordnung ihrer Szenarien notwendig.

Die Zahl von 700 Milliarden Dollar sollte deshalb weder als bereits vorhandenes Anlagekapital noch als gesicherte zusätzliche Nachfrage interpretiert werden.

Für die kommenden Jahre ist insbesondere entscheidend, ob digitale Goldanbieter nachvollziehbare Eigentumsrechte, verlässliche physische Deckung und wettbewerbsfähige Kostenstrukturen gewährleisten können.

 

Fazit: Die Zukunft des Goldes könnte zweigleisig verlaufen

 

Die Studie von World Gold Council und Boston Consulting Group beschreibt eine mögliche strukturelle Erweiterung des internationalen Goldmarktes. Digitales Gold könnte neue Anlegergruppen erreichen, zusätzliche Nachfrage auslösen und die Nutzung des Edelmetalls innerhalb moderner Finanzsysteme verändern.

Der wichtigste Befund ist dabei nicht die spektakuläre Zahl von 700 Milliarden Dollar, sondern die Möglichkeit, dass digitale Goldanlagen den traditionellen Goldmarkt ergänzen, statt ihn vollständig zu verdrängen.

Physische Goldmünzen und Goldbarren behalten ihre besonderen Eigenschaften als unmittelbar verfügbare Sachwerte. Digitale Goldprodukte bieten andere Möglichkeiten, bringen jedoch zusätzliche rechtliche, technische und wirtschaftliche Risiken mit sich.

Ob die Digitalisierung tatsächlich zu einer neuen Wachstumsphase des Goldmarktes führt, wird sich nicht allein an der Zahl ausgegebener Token entscheiden. Maßgeblich werden die Qualität der Golddeckung, die Sicherheit der Eigentumsrechte und das langfristige Vertrauen der Anleger sein.

Häufige Fragen zur WGC- und BCG-Studie

Prognostiziert die Studie tatsächlich 700 Milliarden Dollar neue Goldkäufe?

Nein. Die 700 Milliarden US-Dollar beschreiben ein langfristig erschließbares Nachfragepotenzial für digitales Gold. Im Basisszenario erwarten die Studienautoren bis 2031 ein digitales Marktvolumen von etwa 160 bis 170 Milliarden US-Dollar.

Ist digitales Gold immer vollständig durch physisches Gold gedeckt?

Nein. Die tatsächliche Deckung und die Rechte der Anleger hängen von der jeweiligen Produktkonstruktion ab. Entscheidend sind überprüfbare Goldbestände, klare Eigentumsverhältnisse und die vertraglich geregelten Ansprüche.

Könnte digitales Gold den Goldpreis langfristig beeinflussen?

Zusätzliche Nachfrage nach physisch gedeckten Goldprodukten könnte grundsätzlich den Goldmarkt beeinflussen. Die Studie liefert jedoch keine verlässliche Prognose darüber, wie stark sich der Goldpreis dadurch verändern würde.

Werden digitale Goldprodukte klassische Goldmünzen und Goldbarren ersetzen?

Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Die Untersuchung deutet vielmehr darauf hin, dass digitale Goldanlagen zusätzliche Käufergruppen erschließen und neben bestehenden physischen Anlageformen wachsen könnten.

 

23.10.2026 - Tobias Dalacker - edelmetalle-aktuell@muenzkauf.de

 

 

 






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