Lithium aus Deutschland – wie weit ist die Förderung?
Bohrungen, Genehmigungen und Milliardeninvestitionen: Im Oberrheingraben entsteht eine neue Lithiumindustrie. Doch der Weg zur Serienproduktion ist noch nicht abgeschlossen.
Inhaltsverzeichnis
Deutschland verfügt im Oberrheingraben über lithiumhaltige Thermalwässer, die künftig einen Teil des Rohstoffbedarfs der europäischen Batterieindustrie decken könnten. Was lange als technologische Zukunftsvision galt, entwickelt sich inzwischen zu einem konkreten Industrieprojekt. Im Jahr 2026 laufen Bauarbeiten, neue Bohrungen werden erschlossen und wichtige bergrechtliche Genehmigungen liegen vor. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen erfolgreicher Lithiumgewinnung in Demonstrationsanlagen und einer dauerhaft wirtschaftlichen Produktion im industriellen Maßstab.
Im Mittelpunkt steht das Unternehmen Vulcan Energy mit seinem Projekt Lionheart. Die erste kommerzielle Ausbaustufe soll jährlich bis zu 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat liefern. Das entspricht nach Unternehmensangaben einer rechnerischen Menge für rund 500.000 Elektrofahrzeugbatterien. Der geplante Beginn der kommerziellen Produktion liegt in der zweiten Jahreshälfte 2028.
Damit ist der Oberrheingraben eines der fortgeschrittenen deutschen Projekte zur heimischen Lithiumversorgung. Die entscheidende Bewährungsprobe steht allerdings noch bevor: die Übertragung der bereits erprobten Gewinnungstechnologie auf einen langfristig stabilen und wirtschaftlichen Großbetrieb.
Warum ausgerechnet der Oberrheingraben?
Der Oberrheingraben erstreckt sich zwischen Basel und dem Rhein-Main-Gebiet. Die geologische Struktur entstand durch tektonische Dehnung der Erdkruste. In großer Tiefe zirkulieren dort heiße, mineralisierte Wässer, die unter anderem gelöstes Lithium enthalten.
Für die Rohstoffgewinnung ist diese geologische Besonderheit interessant, weil sich Lithium nicht erst aus festem Gestein herauslösen lassen muss. Stattdessen kann das Element aus bereits vorhandenen Tiefenwässern gewonnen werden.
Die Konzentration des Lithiums ist allerdings wesentlich geringer als bei klassischen Festgesteinslagerstätten. Für eine wirtschaftliche Förderung müssen deshalb große Wassermengen zuverlässig gefördert und technisch verarbeitet werden.
Die Region bietet einen weiteren Vorteil: Die hohen Temperaturen des Tiefenwassers ermöglichen die gleichzeitige Nutzung geothermischer Energie. Wärme, Strom und Lithium können damit grundsätzlich aus einem gemeinsamen geologischen System gewonnen werden.
Die Kombination könnte die Wirtschaftlichkeit verbessern. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jedes geothermische Reservoir für eine rentable Lithiumproduktion geeignet ist. Entscheidend bleiben Lithiumkonzentration, Förderrate, Wasserchemie, technische Rückgewinnung und die langfristige Stabilität der Lagerstätte.
Vulcan Energy und Lionheart – der Stand im Oktober 2026

Das Lionheart-Projekt ist die erste kommerzielle Ausbaustufe von Vulcan Energy im Oberrheingraben. Vorgesehen ist eine Kombination aus Geothermie, direkter Lithiumextraktion und anschließender chemischer Verarbeitung zu batterietauglichem Lithiumhydroxid.
Die Gewinnung konzentriert sich auf den Raum Landau und Insheim in Rheinland-Pfalz. Die Weiterverarbeitung soll im Industriepark Frankfurt-Höchst erfolgen. Damit entsteht eine industrielle Wertschöpfungskette, die Rohstoffgewinnung und chemische Veredelung innerhalb Deutschlands verbindet.
Im Dezember 2025 traf das Unternehmen seine endgültige Investitionsentscheidung für die erste Projektphase und leitete den Bau ein. Am 27. Mai 2026 meldete Vulcan den finanziellen Abschluss eines Finanzierungspakets von rund 2,2 Milliarden Euro.
Ein weiterer wichtiger Fortschritt folgte im März 2026 mit der ersten Lithiumgewinnungsbewilligung für das Gebiet Insheim. Im September erhielt das Unternehmen mit der Bewilligung „Ilka“ eine zweite bergrechtliche Berechtigung für das Gebiet Landau.
Diese Bewilligungen schaffen eine wesentliche rechtliche Grundlage für die geplante Gewinnung. Sie sind jedoch nicht mit der vollständigen technischen Inbetriebnahme aller Anlagen gleichzusetzen.
Nach Unternehmensangaben ist die kommerzielle Produktionsaufnahme weiterhin für die zweite Jahreshälfte 2028 vorgesehen. Dieser Zeitpunkt bleibt ein Planungsziel und hängt unter anderem vom Baufortschritt, der Inbetriebnahme und der erfolgreichen technischen Hochskalierung ab.
Neue Bohrungen und technologische Fortschritte
Auch im Herbst 2026 wurden weitere Fortschritte gemeldet. Am 14. Oktober gab Vulcan Energy den erfolgreichen Abschluss einer dritten Bohrung am Bohrplatz Schleidberg mit positiven Ergebnissen bekannt. Solche Bohrungen sind notwendig, um die für einen industriellen Dauerbetrieb benötigte Thermalwasserförderung aufzubauen.
Bereits im September hatte das Unternehmen außerdem den Beginn der kommerziellen Herstellung seines eigenen Lithium-Adsorptionsmaterials VULSORB bekannt gegeben.
Das Material ist für die direkte Lithiumextraktion vorgesehen. Nach Angaben des Unternehmens wurde es über mehrere Jahre in Versuchen und Demonstrationsanlagen getestet. Unter entsprechenden Testbedingungen seien Lithiumrückgewinnungsraten von bis zu 95 Prozent erreicht worden.
Diese Angabe beschreibt einen erreichten technischen Wert, keine garantierte Rückgewinnungsquote im späteren industriellen Dauerbetrieb.
Die Herstellung des Adsorptionsmaterials ist ein wichtiger Schritt für die Lieferkette. Sie bedeutet aber noch nicht, dass bereits 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid jährlich produziert werden.
Die Entwicklung lässt sich anhand der offiziellen Projekt- und Unternehmensmeldungen von Vulcan Energy nachvollziehen.
Wie funktioniert die direkte Lithiumextraktion?
Die Gewinnung aus Thermalwasser unterscheidet sich deutlich vom klassischen Lithiumabbau in Australien oder der Lithiumgewinnung aus Salzseen in Südamerika.
Bei der direkten Lithiumextraktion, international als Direct Lithium Extraction (DLE) bezeichnet, wird lithiumhaltiges Tiefenwasser an die Oberfläche gefördert. Dort durchläuft es eine technische Aufbereitungsanlage.
Bei adsorptionsbasierten Verfahren wird das Wasser durch Materialien geleitet, die Lithiumionen bevorzugt binden. Anschließend wird das gebundene Lithium wieder abgelöst und in einer konzentrierteren Lösung gesammelt.
Aus dieser Lösung kann durch weitere chemische Verarbeitung ein Lithiumprodukt hergestellt werden. Für die Batterieindustrie ist insbesondere hochreines Lithiumhydroxid von Bedeutung.
Das behandelte Thermalwasser soll nach der Lithiumabtrennung wieder in den geologischen Untergrund eingebracht werden. Die Rückführung ist Bestandteil des vorgesehenen geothermischen Kreislaufs.
Das Verfahren benötigt keine großflächigen Verdunstungsbecken und keinen klassischen Tagebau. Dennoch entstehen Umweltwirkungen durch Bohrungen, Anlagenbau, Chemikalieneinsatz, Energieverbrauch und Eingriffe in den tiefen Untergrund.
Ob die Umweltbilanz tatsächlich günstiger ausfällt als bei alternativen Gewinnungsverfahren, muss anhand des konkreten Anlagenbetriebs und vollständiger Lebenszyklusanalysen bewertet werden.
Warum Lithium für Deutschland strategisch wichtig ist
Lithium gehört zu den zentralen Rohstoffen moderner Lithium-Ionen-Batterien. Es wird in Elektrofahrzeugen, stationären Energiespeichern und zahlreichen elektronischen Geräten eingesetzt.
Die europäische Industrie ist bei Lithium und insbesondere bei Teilen der chemischen Weiterverarbeitung stark von internationalen Lieferketten abhängig.
Eine heimische Produktion könnte diese Abhängigkeit verringern, Transportwege verkürzen und zusätzliche industrielle Wertschöpfung schaffen.
Die Europäische Union verfolgt mit dem Critical Raw Materials Act das Ziel, die Versorgung mit strategischen Rohstoffen widerstandsfähiger zu machen. Für 2030 wurden unter anderem europäische Richtwerte von 10 Prozent für die Gewinnung und 40 Prozent für die Verarbeitung des jährlichen Bedarfs an strategischen Rohstoffen festgelegt, soweit die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind.
Das Lionheart-Projekt besitzt im Rahmen dieser europäischen Rohstoffpolitik den Status eines strategischen Projekts.
Allerdings ist die jährliche Produktionskapazität einer einzelnen Anlage nicht mit einer vollständigen Versorgung der deutschen oder europäischen Batterieindustrie gleichzusetzen. Der tatsächliche Beitrag hängt von der Nachfrageentwicklung, den Batterietechnologien und dem erfolgreichen Produktionshochlauf ab.
Welche wirtschaftlichen Risiken bestehen?
Die Förderung von Lithium aus Thermalwasser verbindet mehrere technisch anspruchsvolle Industrieprozesse. Damit entstehen Risiken, die bei einer reinen Betrachtung der vorhandenen Rohstoffmengen leicht unterschätzt werden.
Ein wesentlicher Faktor ist die langfristige Förderleistung der geothermischen Reservoirs. Selbst wenn einzelne Bohrungen gute Ergebnisse liefern, muss die Anlage über viele Jahre ausreichende Mengen an Thermalwasser bereitstellen.
Hinzu kommen die chemischen Eigenschaften des Wassers. Mineralische Ablagerungen, Korrosion und Veränderungen der Wasserzusammensetzung können Wartungsaufwand und Betriebskosten beeinflussen.
Auch die direkte Lithiumextraktion muss im industriellen Dauerbetrieb zuverlässig funktionieren. Adsorptionsmaterialien unterliegen Beanspruchungen und müssen wirtschaftlich regeneriert oder ersetzt werden können.
Ein weiteres Risiko ergibt sich aus dem Weltmarktpreis für Lithium. Nach dem starken Preisanstieg der Jahre 2021 und 2022 geriet der Markt durch zusätzliche Förderkapazitäten und veränderte Nachfrageerwartungen erheblich unter Druck.
Für neue europäische Projekte ist deshalb nicht allein entscheidend, ob sich Lithium technisch gewinnen lässt. Ebenso wichtig ist, zu welchen Kosten ein verkaufsfähiges Produkt hergestellt werden kann.
Eine Kombination mit geothermischer Energie kann wirtschaftliche Vorteile schaffen, schützt aber nicht vollständig vor schwankenden Rohstoffpreisen, Baukostenüberschreitungen oder Verzögerungen.
Geothermie und Erdbeben – welche Bedenken gibt es?
Der Oberrheingraben ist geologisch aktiv. Tiefengeothermische Projekte müssen deshalb mögliche Auswirkungen auf bestehende Störungszonen und die Gefahr induzierter Seismizität berücksichtigen.
Bei der Förderung und Reinjektion von Tiefenwasser können sich Druckverhältnisse im Untergrund verändern. Unter bestimmten Bedingungen kann dies kleine oder auch spürbare Erdbeben auslösen.
Das Risiko ist stark standortabhängig. Geologische Untersuchungen, kontrollierte Betriebsparameter und seismische Überwachung sind daher wesentliche Bestandteile der Projektplanung.
Auch die örtliche Bevölkerung spielt eine wichtige Rolle. Transparente Informationen über Bohrarbeiten, Messdaten, mögliche Auswirkungen und Sicherheitsmaßnahmen sind notwendig, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken.
Die Gewinnung eines strategisch wichtigen Rohstoffs ersetzt nicht die Pflicht, Umwelt- und Sicherheitsanforderungen einzuhalten.
Kann der Oberrheingraben Deutschland unabhängig machen?
Eine vollständige Unabhängigkeit von Lithiumimporten ist auf absehbare Zeit nicht allein durch Projekte im Oberrheingraben zu erwarten.
Die geplante Lionheart-Kapazität von 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat pro Jahr wäre ein relevanter industrieller Beitrag. Sie entspricht jedoch nicht 24.000 Tonnen reinem Lithium. Lithiumhydroxid-Monohydrat ist eine chemische Verbindung, deren Gesamtmasse auch Sauerstoff, Wasserstoff und Kristallwasser umfasst.
Für einen belastbaren Vergleich mit nationalen oder europäischen Rohstoffbedarfszahlen müssen deshalb einheitliche Bezugsgrößen verwendet werden.
Außerdem verändert sich die Batterienachfrage. Unterschiedliche Zellchemien benötigen unterschiedliche Mengen und Formen von Lithium. Selbst bei einer erfolgreichen heimischen Förderung bleiben internationale Lieferketten für weitere Batterierohstoffe und Vorprodukte wichtig.
Die größere Bedeutung des Oberrheingrabens liegt daher zunächst in der Diversifizierung der Versorgung: Europa könnte einen Teil seines Lithiumbedarfs aus einer zusätzlichen, regional kontrollierbaren Quelle decken.
Ausblick – 2028 wird zur entscheidenden Bewährungsprobe
Im Oktober 2026 ist die Lithiumgewinnung im Oberrheingraben deutlich weiter als ein reines Forschungsprojekt. Finanzierung, bergrechtliche Bewilligungen, Bohrarbeiten und der Aufbau der industriellen Verarbeitung haben wichtige Fortschritte gemacht.
Die nächste Phase wird zeigen müssen, ob sich die bisherigen technischen Ergebnisse zuverlässig auf den geplanten Produktionsmaßstab übertragen lassen.
Für die kommenden Jahre sind insbesondere der Abschluss der Bauarbeiten, die Inbetriebnahme der Gewinnungs- und Verarbeitungsanlagen sowie die tatsächlichen Produktionskosten entscheidend.
Gelingt der industrielle Hochlauf, könnte Deutschland erstmals eine bedeutende heimische Quelle für batterietaugliches Lithiumhydroxid etablieren. Misslingen einzelne technische oder wirtschaftliche Annahmen, können sich Zeitplan und Produktionsziele verändern.
Der Oberrheingraben besitzt damit erhebliches rohstoffpolitisches Potenzial. Ob daraus eine dauerhaft wettbewerbsfähige Lithiumindustrie entsteht, entscheidet sich nicht an den angekündigten Kapazitäten, sondern an den Ergebnissen des späteren Dauerbetriebs.
Häufige Fragen zur Lithiumgewinnung in Deutschland
Wird im Oberrheingraben bereits Lithium kommerziell gefördert?
Im Oktober 2026 befindet sich das Lionheart-Projekt im Aufbau. Lithium wurde bereits in Demonstrationsanlagen gewonnen und verarbeitet. Die großtechnische kommerzielle Lithiumproduktion ist nach Unternehmensplanung für die zweite Jahreshälfte 2028 vorgesehen.
Wie viel Lithium soll in Deutschland produziert werden?
Vulcan Energy plant für die erste Lionheart-Ausbaustufe eine Jahreskapazität von bis zu 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat. Dabei handelt es sich um die geplante Produktionskapazität und nicht um eine bereits erreichte Jahresproduktion.
Ist Lithium aus Thermalwasser umweltfreundlicher als Lithium aus Bergwerken?
Das Verfahren benötigt keinen klassischen Tagebau und keine großflächigen Verdunstungsbecken. Es verursacht dennoch Umweltwirkungen durch Bohrungen, Anlagenbetrieb und Chemikalieneinsatz. Eine belastbare Bewertung erfordert einen Vergleich der vollständigen Umweltbilanzen.
Warum wird Lithium zusammen mit Erdwärme gewonnen?
Das lithiumhaltige Thermalwasser enthält zugleich nutzbare geothermische Energie. Durch die gemeinsame Nutzung können Wärme, Strom und Lithium aus demselben Tiefenwassersystem gewonnen werden. Dies kann die Wirtschaftlichkeit und Ressourcennutzung verbessern.
30.10.2026 - Tobias Dalacker - edelmetalle-aktuell@muenzkauf.de
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Quelle: https://blog.muenzkauf.de/Lithium-aus-Deutschland--Stand-der-Foerderung-im-Oberrheingraben-2026-30102026t