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Siemens und Nvidia bauen die Fabrik der Zukunft

„Historische Chance“ für Deutschland: In Erlangen zeigen die Technologiekonzerne, wie künstliche Intelligenz die industrielle Produktion revolutionieren und den Standort Europa stärken könnte.

Von Tobias Dalacker

Die deutsche Industrie steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Hohe Produktionskosten, Fachkräftemangel und internationale Konkurrenz erschweren die Fertigung am Standort Deutschland. Siemens und der amerikanische Chipkonzern Nvidia wollen nun zeigen, wie sich diese Herausforderungen mit künstlicher Intelligenz bewältigen lassen. Am 19. Oktober 2026 präsentierten beide Unternehmen im Siemens-Gerätewerk Erlangen neue Technologien für weitgehend automatisierte Fabriken.

Siemens-Industrievorstand Cedrik Neike spricht von einer „historischen Chance für Deutschland und Europa“. Seine Botschaft: Künstliche Intelligenz müsse die Rechenzentren verlassen und in der industriellen Fertigung ankommen. Das gemeinsame Projekt soll nicht nur die Produktion bei Siemens verändern, sondern langfristig als Vorbild für Fabriken weltweit dienen.

 

Das Siemens-Werk Erlangen wird zum Versuchslabor

 

Moderne Elektronikfertigung im Siemens-Werk Erlangen als Beispiel für die KI-gestützte Fabrik der Zukunft

Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit steht das Siemens-Gerätewerk in Erlangen. Der 1971 gegründete Standort beschäftigt rund 1.000 Menschen und produziert unter anderem Leistungselektronik und Automatisierungstechnik für industrielle Anwendungen.

Bereits heute werden dort mehr als 100 KI-Algorithmen in Produktion, Logistik, Qualitätskontrolle und Wartung eingesetzt. Nun wollen Siemens und Nvidia die nächste Entwicklungsstufe erreichen: eine Fabrik, die Produktionsabläufe zunehmend selbst analysiert, unterschiedliche Lösungen simuliert und sich schneller an veränderte Anforderungen anpasst.

Die technologische Grundlage bilden industrielle Software und Automatisierungstechnik von Siemens sowie KI-Rechenleistung, Simulationswerkzeuge und Softwareplattformen von Nvidia.

Die Zusammenarbeit wurde im Januar 2026 auf der Technologiemesse CES in Las Vegas erweitert. Seitdem entwickeln und testen die Unternehmen neue Anwendungen direkt im laufenden Fabrikbetrieb.

 

Bis zu 80 Prozent Automatisierung möglich

 

Nach Einschätzung von Siemens lassen sich viele Fabriken bislang zu etwa 30 bis 40 Prozent automatisieren. Mit künstlicher Intelligenz könnten künftig Automatisierungsgrade von 70 bis 80 Prozent erreichbar werden.

Der entscheidende Fortschritt liegt nicht allein darin, dass Maschinen wiederkehrende Aufgaben übernehmen. KI soll auch dort helfen, wo sich Produktionsbedingungen ständig verändern, neue Aufträge eintreffen oder unterschiedliche Produktvarianten gefertigt werden müssen.

Ein Beispiel ist die optische Qualitätskontrolle elektronischer Leiterplatten. Bisher mussten entsprechende Prüfsysteme bei neuen Produkten häufig aufwendig eingerichtet und anhand realer Muster trainiert werden. Mithilfe digitaler Zwillinge können nun virtuelle Darstellungen fehlerfreier und fehlerhafter Leiterplatten erzeugt werden, bevor erste physische Prototypen vorliegen.

Siemens beziffert das mögliche Einsparpotenzial beim technischen Vorbereitungsaufwand auf bis zu 85 Prozent. Die Zeit bis zur Markteinführung neuer Produkte könnte bei entsprechenden Anwendungen um bis zu 40 Prozent sinken. Dabei handelt es sich um unternehmensseitig genannte Potenziale und nicht um bereits flächendeckend nachgewiesene Ergebnisse.

 

Digitale Zwillinge sollen Produktionsfehler verhindern

 

Eine zentrale Rolle spielt der sogenannte digitale Zwilling. Dabei wird eine Maschine, Produktionslinie oder komplette Fabrik als virtuelles Modell abgebildet. Änderungen können zunächst am Computer durchgespielt werden, bevor sie in der realen Produktion umgesetzt werden.

Die Nvidia-Technologie Omniverse unterstützt solche Simulationen. Mit Nvidia Cosmos lassen sich zudem realistische Trainingsdaten für KI-Systeme erzeugen.

Auch die Produktionsplanung soll intelligenter werden. Ein KI-Agent kann unterschiedliche Fertigungsszenarien entwickeln und dabei Materialverfügbarkeit, Maschinenkapazitäten, Liefertermine und Kosten berücksichtigen. Die Vorschläge werden anschließend anhand des digitalen Fabrikmodells überprüft.

Die endgültigen Entscheidungen verbleiben bei den verantwortlichen Mitarbeitern. Siemens erwartet durch diese Form der Produktionsplanung mögliche Kosteneinsparungen von bis zu 20 Prozent.

 

Kann künstliche Intelligenz deutsche Industriearbeitsplätze sichern?

 

Für den Industriestandort Deutschland besitzt das Projekt eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Unternehmen stehen unter dem Druck, ihre Produktivität zu erhöhen, während Energie, Personal und industrielle Infrastruktur vergleichsweise teuer bleiben.

Siemens-Vorstand Neike hält jährliche Produktivitätssteigerungen von sieben bis neun Prozent für notwendig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Das Werk Erlangen erreiche nach Unternehmensangaben bereits eine jährliche Produktivitätssteigerung von rund sieben Prozent.

Eine stärker automatisierte Produktion könnte dazu beitragen, bestimmte Fertigungsschritte weiterhin in Deutschland wirtschaftlich durchzuführen. Gleichzeitig verändert sich dadurch die Arbeitswelt. Während standardisierte Tätigkeiten weiter automatisiert werden, gewinnen Qualifikationen in Software, Anlagensteuerung, Wartung und industrieller Datenverarbeitung an Bedeutung.

Ob die neuen Technologien tatsächlich Arbeitsplätze sichern, hängt allerdings auch von Investitionskosten, Nachfrageentwicklung und der Qualifizierung der Beschäftigten ab. Ein hoher Automatisierungsgrad garantiert für sich genommen weder zusätzliche Beschäftigung noch eine dauerhafte Standortgarantie.

 

Siemens investiert 500 Millionen Euro in Erlangen

 

Der Standort Erlangen ist Bestandteil einer langfristigen Investitionsstrategie. Siemens plant, bis 2030 rund 500 Millionen Euro in die Transformation des Werks zu investieren.

Die Fabrik dient dabei nicht nur als eigener Produktionsstandort, sondern auch als Demonstrationsplattform für Industriekunden. Nach Angaben des Unternehmens besuchen jährlich etwa 3.000 Kunden den Standort, um neue Fertigungstechnologien kennenzulernen.

Für Siemens eröffnet sich dadurch ein zusätzliches Geschäftsfeld: Die im eigenen Werk erprobten Technologien können später als industrielle Software-, Automatisierungs- und KI-Lösungen an andere Unternehmen verkauft werden.

Nvidia wiederum erschließt mit industriellen Anwendungen neue Einsatzbereiche für seine KI-Infrastruktur. Die Kooperation verbindet damit das traditionelle Industriegeschäft mit dem schnell wachsenden Markt für künstliche Intelligenz.

 

Europa bekommt eine Chance im globalen Technologiewettbewerb

 

Die Zusammenarbeit verdeutlicht zugleich eine grundlegende Verschiebung in der Industrie. Künftig könnte nicht mehr allein die Leistungsfähigkeit einzelner Maschinen entscheidend sein, sondern zunehmend die Fähigkeit, komplette Produktionssysteme intelligent miteinander zu vernetzen.

Für Europa bietet sich dabei eine wirtschaftliche Möglichkeit. Deutschland verfügt über eine starke industrielle Basis mit Maschinenbauern, Automatisierungsspezialisten und zahlreichen mittelständischen Produktionsunternehmen. Diese industrielle Erfahrung könnte bei der praktischen Anwendung künstlicher Intelligenz zum Wettbewerbsvorteil werden.

Allerdings entstehen auch neue Abhängigkeiten. Leistungsfähige KI-Systeme benötigen spezialisierte Chips, geeignete Softwareplattformen und eine zuverlässige digitale Infrastruktur. Mit Nvidia spielt ein amerikanisches Unternehmen bei wesentlichen Bestandteilen dieser Technologie eine zentrale Rolle.

Entscheidend wird deshalb sein, ob europäische Unternehmen eigene Kompetenzen in industrieller KI aufbauen und die neuen Technologien wirtschaftlich in bestehende Produktionsanlagen integrieren können.

Das Siemens-Werk Erlangen zeigt bereits konkrete Einsatzmöglichkeiten. Bis daraus ein international verbreitetes Fabrikkonzept entsteht, müssen sich Wirtschaftlichkeit, Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit jedoch in weiteren Betrieben beweisen.

Die eigentliche historische Chance liegt somit nicht in einer vollständig menschenleeren Fabrik, sondern in einer Industrie, die mit intelligenteren Produktionsverfahren ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen kann.

 

Quellen: Siemens – Pressemitteilung vom 19. Oktober 2026, Handelsblatt – Siemens und Nvidia planen autonome Fabrik, Nvidia – Strategische Industriepartnerschaft.

 

19.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de

 

 

 






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