Europas Rohstoffoffensive nimmt Fahrt auf
46 neue strategische Projekte sollen Europas Versorgung mit Lithium, Wolfram, Nickel und Seltenen Erden stärken. Acht Vorhaben liegen in Deutschland.
Europa will bei wichtigen Industriemetallen unabhängiger werden. Am 9. Oktober 2026 hat die Europäische Kommission 46 weitere Rohstoffprojekte in 16 EU-Mitgliedstaaten als strategisch eingestuft. Acht davon befinden sich in Deutschland. Die Auswahl reicht von der Lithiumgewinnung in Sachsen bis zum Batterierecycling in Nordrhein-Westfalen.
Hinter der Entscheidung steht ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel. Die Europäische Union betrachtet Rohstoffe zunehmend als Voraussetzung für industrielle Wettbewerbsfähigkeit, technologische Entwicklung und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Besonders bei Batteriemetallen, Seltenen Erden und Wolfram sollen bestehende Importabhängigkeiten verringert werden.
Die neuen Vorhaben ergänzen bereits 2025 ausgewählte Projekte. Allerdings bedeutet die strategische Anerkennung noch nicht, dass Bergwerke, Raffinerien oder Recyclinganlagen bereits produzieren.
Deutschland erhält acht strategische Projekte

Deutschland spielt innerhalb der neuen Projektauswahl eine wichtige Rolle. Zu den von der EU-Kommission genannten Beispielen gehören der Lithiumabbau in Zinnwald in Sachsen und das Batterierecycling in Aachen.
Gerade diese Kombination ist entscheidend. Eine gesicherte Rohstoffversorgung entsteht nicht allein durch neue Bergwerke. Die gewonnenen Materialien müssen anschließend verarbeitet, gereinigt und in industriell nutzbare Vorprodukte umgewandelt werden.
Deutschland verfügt über zahlreiche Unternehmen aus der Metallverarbeitung, Chemieindustrie, Automobilzulieferung und Recyclingwirtschaft. Neue europäische Rohstoffkapazitäten könnten langfristig dazu beitragen, die Versorgung dieser Branchen widerstandsfähiger zu machen.
Ob daraus tatsächlich zusätzliche Produktion entsteht, hängt allerdings von Investitionen, Genehmigungen, Energiepreisen und der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der einzelnen Projekte ab.
Welche Rohstoffe besonders wichtig werden
Die 46 neu ausgewählten Projekte betreffen 15 der 17 strategischen Rohstoffe, die im europäischen Critical Raw Materials Act berücksichtigt werden.
Besonders stark vertreten sind Batterierohstoffe. Sieben Projekte befassen sich mit Lithium, zwölf mit Nickel, zehn mit Kobalt, fünf mit Mangan und vier mit Graphit. Die einzelnen Rohstoffgruppen können dabei innerhalb integrierter Projekte miteinander verbunden sein.
Weitere Vorhaben betreffen Wolfram, Magnesium und Seltene Erden. Wolfram ist wegen seiner hohen Schmelztemperatur und Härte für Hartmetallwerkzeuge, Maschinenbau sowie Luft- und Raumfahrt von Bedeutung.
Seltene Erden werden unter anderem für leistungsfähige Permanentmagnete benötigt. Solche Magnete kommen in Elektromotoren, Windkraftanlagen und zahlreichen industriellen Anwendungen zum Einsatz.
Damit geht es längst nicht mehr ausschließlich um die Energiewende. Auch die europäische Verteidigungsindustrie und der klassische Maschinenbau sind auf eine verlässliche Versorgung angewiesen.
Recycling wird zur zweiten Rohstoffquelle
Bemerkenswert ist die starke Stellung des Recyclings innerhalb der neuen Projektauswahl. Von den 46 Vorhaben entfallen 19 unmittelbar auf Recycling und weitere fünf kombinieren Verarbeitung und Recycling.
Das zeigt, dass die EU zunehmend vorhandene Materialströme als strategische Rohstoffreserve betrachtet. Produktionsabfälle, Altbatterien, Elektroschrott und ausgediente Industrieanlagen enthalten Metalle, die durch geeignete Verfahren zurückgewonnen werden können.
Recycling bietet gegenüber der Primärförderung mehrere mögliche Vorteile. Bereits vorhandene Metalle müssen nicht erneut aus geologischen Lagerstätten gewonnen werden. Zudem können regionale Stoffkreisläufe Transportwege verkürzen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern reduzieren.
Die wirtschaftlichen Grenzen bleiben jedoch erheblich. Sammelsysteme, Sortiertechnik, Energiebedarf und metallurgische Trennverfahren entscheiden darüber, ob eine Rückgewinnung tatsächlich rentabel ist. Bei manchen Rohstoffen sind die verfügbaren Recyclingmengen noch gering.
Brüssel setzt ehrgeizige Ziele bis 2030
Der Critical Raw Materials Act sieht vor, dass europäische Kapazitäten bis 2030 mindestens zehn Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch eigene Gewinnung abdecken sollen. Für die Verarbeitung liegt die Zielmarke bei 40 Prozent und für das Recycling bei 25 Prozent.
Die strategischen Projekte sollen helfen, diese Zielwerte zu erreichen. Dafür profitieren sie unter anderem von besser koordinierten Genehmigungsverfahren, Unterstützung bei Finanzierungsfragen und Kontakten zu potenziellen Abnehmern.
Die Kommission verweist darauf, dass bei den bereits 2025 ausgewählten Projekten inzwischen 25 Umweltverträglichkeitsprüfungen abgeschlossen und 17 Baugenehmigungen erteilt wurden.
Dennoch sind Genehmigungen nicht mit einer gesicherten Finanzierung oder einem erfolgreichen Produktionsstart gleichzusetzen. Gerade neue Bergwerke benötigen häufig lange Entwicklungszeiten und beträchtliches Kapital.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Verarbeitung
Europas Rohstoffproblem lässt sich nicht allein durch zusätzliche Lagerstätten lösen. Bei mehreren strategisch wichtigen Materialien sind die weltweiten Verarbeitungs- und Raffinationskapazitäten stark konzentriert.
Selbst wenn europäische Unternehmen mehr Erze gewinnen, können sie weiterhin auf ausländische Anlagen angewiesen sein, um daraus industriell verwendbare Metalle oder chemische Zwischenprodukte herzustellen.
Für eine langfristig eigenständige Wertschöpfungskette braucht Europa deshalb neben Bergwerken auch Raffinerien, metallurgisches Fachwissen, ausreichend Energie und verlässliche Abnahmeverträge.
Hinzu kommt der internationale Wettbewerb. China verfügt bei mehreren kritischen Rohstoffen über eine besonders starke Marktstellung. Die USA, Japan und weitere Industriestaaten versuchen ebenfalls, ihre Versorgung strategisch abzusichern.
Die neuen europäischen Projekte sind daher nicht nur eine Frage der Rohstoffpolitik, sondern auch der künftigen Standortbedingungen für die Industrie.
Was die Rohstoffoffensive tatsächlich verändern kann
Die Entscheidung der EU-Kommission ist ein wichtiger Schritt, aber noch keine Garantie für zusätzliche Rohstoffmengen. Ob die Vorhaben Europas Abhängigkeiten spürbar reduzieren, wird sich erst mit dem Bau und der Inbetriebnahme der Anlagen zeigen.
Für die deutsche Industrie könnten vor allem zuverlässigere Lieferketten, zusätzliche Recyclingkapazitäten und eine stärkere europäische Metallverarbeitung von Bedeutung sein.
Langfristig wird sich der Erfolg der europäischen Rohstoffpolitik daran messen lassen müssen, wie viele Projekte tatsächlich produzieren, welche Mengen wirtschaftlich gewonnen werden und ob sich die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern verringert.
Die Rohstoffversorgung wird damit zu einer der entscheidenden industriepolitischen Aufgaben der kommenden Jahre.
Quellen: EU-Kommission: Acht strategische Rohstoffprojekte in Deutschland sowie Europäische Kommission: 46 neue strategische Projekte.
19.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
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