Vier Jahre Bullenmarkt: Wie stabil ist die Rally?
Der S&P 500 hat sich seit dem Tief von 2022 mehr als verdoppelt – KI-Gewinne treiben die Kurse, doch hohe Renditen und extreme Konzentration erhöhen das Risiko
Der amerikanische Aktienmarkt steht vor einem bemerkenswerten Jubiläum. Am 12. Oktober 2026 wird der laufende Bullenmarkt vier Jahre alt. Seit dem Tief vom Oktober 2022 hat der S&P 500 nach aktuellen Berechnungen rund 117 Prozent zugelegt und bewegt sich weiterhin in der Nähe seiner Rekordstände.
Vier Jahre sind für einen Börsenaufschwung noch kein außergewöhnliches Alter. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen die Rally inzwischen stattfindet. Die Unternehmensgewinne wachsen kräftig, künstliche Intelligenz sorgt für einen historischen Investitionszyklus und die amerikanische Wirtschaft zeigt sich robuster als lange erwartet. Gleichzeitig rentieren zehnjährige US-Staatsanleihen mit mehr als fünf Prozent und bieten Anlegern damit erstmals seit Jahrzehnten wieder eine ernsthafte Alternative zu Aktien.
Die zentrale Frage zum vierten Jahrestag lautet deshalb nicht, ob ein Bullenmarkt nach vier Jahren automatisch enden muss. Entscheidend ist, ob die Gewinne weiterhin schnell genug steigen, um hohe Bewertungen, steigende Finanzierungskosten und eine außergewöhnlich starke Konzentration auf wenige Technologiekonzerne zu rechtfertigen.
117 Prozent seit dem Tief von 2022

Der aktuelle Bullenmarkt begann am 12. Oktober 2022. Seitdem legte der S&P 500 nach einer aktuellen Auswertung von Reuters ungefähr 117 Prozent zu. Damit gehört die laufende Aufwärtsbewegung historisch bereits zu den stärkeren Phasen seit dem Zweiten Weltkrieg.
Reuters ordnet sie hinsichtlich ihrer bisherigen Dauer als achtlängsten und hinsichtlich der Kursentwicklung als sechststärksten Bullenmarkt der Nachkriegszeit ein. Einen historischen Überblick bietet Reuters.
Die Statistik allein sagt allerdings wenig darüber aus, wann ein Bullenmarkt endet. Frühere Aufwärtsphasen dauerten teilweise deutlich länger. Ein hohes Alter ist deshalb kein Verkaufssignal. Wichtiger sind Gewinne, Bewertungen, Zinsen und die tatsächliche Marktbreite.
Aus einer Inflationsrally wurde ein KI-Bullenmarkt
Der Charakter der Rally hat sich seit 2022 deutlich verändert. Der erste Teil des Aufschwungs entstand nach den starken Kursverlusten während der Inflations- und Zinskrise. Anleger begannen darauf zu setzen, dass die amerikanische Wirtschaft eine tiefe Rezession vermeiden könnte.
Später übernahm künstliche Intelligenz die Rolle des wichtigsten Wachstumstreibers. Nvidia, Microsoft, Alphabet, Meta und andere große Technologieunternehmen investierten enorme Summen in Chips, Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur.
Aus einer Erholungsbewegung wurde dadurch ein Investitionszyklus, der inzwischen große Teile der amerikanischen Wirtschaft erreicht. Stromerzeuger, Netzbetreiber, Halbleiterausrüster, Bauunternehmen und Kühltechnik profitieren ebenfalls vom Ausbau der digitalen Infrastruktur.
Die Unternehmensgewinne liefern bisher die wichtigste Begründung
Der Anstieg der Aktienkurse beruht nicht ausschließlich auf höheren Bewertungen. Die Gewinne der großen amerikanischen Unternehmen sind 2026 ebenfalls außergewöhnlich stark gestiegen.
Für die Unternehmen im S&P 500 wird nach aktuellen Marktschätzungen für das Gesamtjahr ein Gewinnwachstum von mehr als 35 Prozent erwartet. Ein erheblicher Teil davon stammt aus Technologie, Kommunikation und Unternehmen, die unmittelbar oder mittelbar vom KI-Investitionszyklus profitieren.
Damit unterscheidet sich die gegenwärtige Situation von einer reinen Spekulationsphase. Viele der Unternehmen, deren Aktien am stärksten gestiegen sind, erzielen gleichzeitig hohe Cashflows und reale Gewinne.
Das schützt den Markt jedoch nicht vor einer Korrektur. Je höher die Gewinnerwartungen werden, desto schwieriger wird es, sie dauerhaft zu übertreffen.
Nvidia symbolisiert die extreme Veränderung
Kaum ein Unternehmen steht so stark für diesen Bullenmarkt wie Nvidia. Der Chiphersteller entwickelte sich von einem wichtigen Halbleiterunternehmen zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt.
Die enorme Nachfrage nach KI-Beschleunigern hat Umsatz, Gewinn und Börsenwert in wenigen Jahren vervielfacht. Damit besitzt Nvidia inzwischen auch einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des gesamten S&P 500.
Das ist gleichzeitig Stärke und Risiko. Solange die größten KI-Unternehmen weiter wachsen, können sie schwächere Entwicklungen anderer Branchen überdecken. Enttäuscht eines dieser Schwergewichte jedoch deutlich, wirkt sich dies aufgrund seines hohen Indexgewichts unmittelbar auf den Gesamtmarkt aus.
Mehr als die Hälfte des S&P 500 hängt an wenigen Wachstumswerten
Ein besonders auffälliges Merkmal der aktuellen Rally ist die Konzentration. Technologie- und KI-nahe Unternehmen machen inzwischen einen außergewöhnlich großen Anteil der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus.
Nach einer aktuellen Reuters-Analyse liegt der Anteil von Technologie- und KI-geprägten Aktien inzwischen bei mehr als der Hälfte des Indexwerts. Damit ist die Konzentration sogar höher als während verschiedener früherer Technologiephasen.
Die Konzentration bedeutet nicht automatisch, dass diese Unternehmen überbewertet sind. Sie erhöht jedoch die Abhängigkeit des gesamten Index von wenigen Geschäftsmodellen und Gewinnentwicklungen.
Ein Überblick über mehrere Warnsignale des amerikanischen Aktienmarktes findet sich bei Reuters.
Der gleichgewichtete Index erzählt eine andere Geschichte
Die hohe Konzentration lässt sich besonders gut erkennen, wenn der klassische S&P 500 mit seiner gleichgewichteten Variante verglichen wird.
Im normalen Index besitzt ein Unternehmen umso mehr Gewicht, je höher seine Börsenbewertung ist. Im gleichgewichteten Index erhält dagegen jedes Unternehmen ungefähr denselben Einfluss.
Während der klassische S&P 500 stark von den großen Technologiewerten profitiert hat, entwickelte sich die gleichgewichtete Variante deutlich schwächer. Das zeigt, dass der Aufschwung unterhalb der Indexoberfläche weniger spektakulär ist als die Rekordstände vermuten lassen.
Eine nachhaltige Ausweitung der Rally auf kleinere und mittelgroße Unternehmen wäre deshalb eines der stärksten positiven Signale für die nächste Phase des Bullenmarktes.
Fünf Prozent Treasury-Rendite verändern die Rechnung
Der größte Unterschied zu früheren Jahren liegt möglicherweise nicht am Aktienmarkt selbst, sondern bei Staatsanleihen. Zehnjährige US-Treasuries rentieren derzeit mit mehr als fünf Prozent. Die Rendite 30-jähriger Papiere liegt noch höher.
Damit besitzen Anleger erstmals seit langer Zeit wieder eine vergleichsweise attraktive Alternative zu Aktien. Während der Nullzinsphase mussten Investoren teilweise hohe Aktienrisiken akzeptieren, um überhaupt positive reale Erträge erzielen zu können.
Heute können institutionelle Anleger mit Staatsanleihen einen erheblichen laufenden Ertrag erzielen. Aktien müssen deshalb stärkere Gewinnsteigerungen liefern, um die zusätzliche Risikoprämie zu rechtfertigen.
Die Aktienrisikoprämie wird ungewöhnlich klein
Ökonomen vergleichen häufig die erwartete Gewinnrendite von Aktien mit der Rendite sicherer Staatsanleihen. Die Differenz wird vereinfacht als Aktienrisikoprämie bezeichnet.
Je kleiner diese Differenz wird, desto geringer ist der zusätzliche Ertrag, den Anleger für das höhere Risiko einer Aktie erhalten.
Durch den gleichzeitigen Anstieg der Aktienbewertungen und der Treasury-Renditen ist diese Prämie inzwischen ausgesprochen niedrig. In einigen Berechnungen ist sie sogar negativ.
Das muss nicht unmittelbar einen Kursrückgang auslösen. Es bedeutet jedoch, dass der Markt weniger Puffer besitzt, falls Unternehmensgewinne enttäuschen.
Warum der Markt hohe Renditen bisher verkraftet
Dass Aktien trotz Treasury-Renditen von mehr als fünf Prozent nahe Rekordständen notieren, erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Die Erklärung liegt vor allem im Gewinnwachstum.
Solange die Gewinne schneller steigen als die Bewertungsmultiplikatoren sinken, können Aktien trotz höherer Zinsen zulegen.
Hinzu kommt, dass die größten Technologiekonzerne vergleichsweise wenig von klassischer Bankfinanzierung abhängig sind. Viele verfügen über hohe Cashbestände und starke operative Cashflows.
Das macht sie widerstandsfähiger gegenüber steigenden Kreditzinsen als kleinere, hoch verschuldete Unternehmen.
Der KI-Boom benötigt aber immer mehr Fremdkapital
Diese Unabhängigkeit beginnt sich teilweise zu verändern. Der Ausbau künstlicher Intelligenz wird immer kapitalintensiver. Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und Netzinfrastruktur benötigen Investitionen in einer Größenordnung, die selbst große Konzerne zunehmend über Fremdkapital ergänzen.
Mehrere Unternehmen planen derzeit Anleihe- und Kreditfinanzierungen im zweistelligen Milliardenbereich. Damit wird der KI-Boom stärker vom allgemeinen Zinsniveau abhängig.
Je höher die Finanzierungskosten steigen, desto genauer müssen Unternehmen prüfen, ob zusätzliche Rechenkapazität tatsächlich ausreichend hohe Renditen erzeugt.
Das könnte in der nächsten Phase des Zyklus zu einer stärkeren Auswahl zwischen wirtschaftlich rentablen und lediglich ambitionierten KI-Projekten führen.
Auch der IPO-Markt zeigt bereits mehr Vorsicht
Die strengere Bewertung ist bereits bei neuen Börsengängen sichtbar. Mehrere große Unternehmen haben ihre geplanten IPOs zuletzt verschoben oder vollständig zurückgezogen.
Das ist bemerkenswert, weil die großen Aktienindizes gleichzeitig auf Rekordniveau liegen. Der Kapitalmarkt ist also nicht grundsätzlich geschlossen. Investoren akzeptieren lediglich nicht mehr jede Bewertung.
Dieser Unterschied ist typisch für ein reiferes Marktumfeld. Bestehende profitable Unternehmen können weiterhin hohe Bewertungen erreichen, während Firmen mit unsicheren zukünftigen Gewinnen zunehmend Preisabschläge akzeptieren müssen.
Vier Jahre Bullenmarkt bedeuten historisch noch kein hohes Alter
Historisch betrachtet können Bullenmärkte erheblich länger als vier Jahre dauern. Die großen Aufwärtsphasen der 1980er, 1990er und 2010er Jahre hielten teilweise viele Jahre an.
Das Alter allein ist deshalb wenig aussagekräftig. Bullenmärkte sterben nicht automatisch an einem bestimmten Geburtstag.
Meist endet eine Rally vielmehr durch eine Kombination aus Rezession, stark sinkenden Unternehmensgewinnen, Finanzkrisen oder einer zu restriktiven Geldpolitik.
Genau deshalb richtet sich der Blick nun auf die Frage, ob die hohen Renditen irgendwann stark genug werden, um Wirtschaft und Unternehmensgewinne spürbar zu bremsen.
Die Federal Reserve bleibt ein entscheidender Faktor
Die nächste reguläre Sitzung der Federal Reserve findet am 27. und 28. Oktober statt. Eine weitere Zinserhöhung bereits bei diesem Treffen wird am Markt inzwischen weniger stark erwartet als noch vor einigen Wochen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Straffungszyklus beendet ist. Mehrere Fed-Mitglieder haben weitere Schritte grundsätzlich offengelassen, falls Inflation oder Energiepreise hoch bleiben.
Die offiziellen Termine und geldpolitischen Dokumente veröffentlicht die Federal Reserve.
Für Aktien wird besonders wichtig sein, ob die langfristigen Renditen auch ohne weitere Fed-Schritte hoch bleiben. Dann würde der Markt selbst die Finanzierungsbedingungen verschärfen.
Die Berichtssaison entscheidet über die nächste Phase
In der kommenden Woche beginnt die entscheidende Phase der US-Berichtssaison. Große Banken gehören traditionell zu den ersten Unternehmen, die ihre Quartalszahlen veröffentlichen.
Danach folgen Technologie-, Industrie- und Konsumunternehmen. Anleger werden diesmal besonders genau auf den Ausblick für 2027 achten.
Die Zahlen für das dritte Quartal können sehr stark sein und trotzdem eine negative Kursreaktion auslösen, wenn Unternehmen schwächere Wachstumsraten für die kommenden Quartale ankündigen.
Nach vier Jahren Bullenmarkt zählt deshalb weniger die Vergangenheit als die Fähigkeit, die bereits hohen Erwartungen erneut zu erfüllen.
Kleine Unternehmen könnten zum nächsten Test werden
Ein wichtiger Indikator für die Marktbreite sind kleinere börsennotierte Unternehmen. Sie sind häufiger von Bankkrediten und kurzfristiger Finanzierung abhängig als große Technologiekonzerne.
Deshalb reagieren sie deutlich stärker auf höhere Zinsen. Wenn kleinere Aktien trotz langfristiger Renditen von mehr als fünf Prozent beginnen, nachhaltig aufzuholen, wäre dies ein Signal für eine gesündere Marktbreite.
Bleiben sie dagegen deutlich hinter den Megacaps zurück, würde die Abhängigkeit des Gesamtmarktes von wenigen großen Unternehmen weiter wachsen.
Gold profitiert von einer anderen Seite derselben Risiken
Für Gold besitzt der vierjährige Aktienaufschwung zunächst wenig direkte Bedeutung. Interessant ist jedoch das Umfeld, das diese Rally inzwischen begleitet.
Hohe Staatsanleiherenditen sind grundsätzlich ein Belastungsfaktor für Gold. Gleichzeitig entstehen die hohen Renditen teilweise aus steigender Staatsverschuldung, Inflationsrisiken und Unsicherheit über die langfristige Finanzpolitik.
Genau diese Faktoren können wiederum die Nachfrage nach Gold als unabhängiger Reserve erhöhen.
Deshalb bewegt sich das Edelmetall trotz der höchsten US-Renditen seit Jahrzehnten weiterhin auf historisch hohen Preisniveaus.
Silber hängt stärker an der Fortsetzung des Investitionsbooms
Silber besitzt eine stärkere Verbindung zur realen Wirtschaft. Rechenzentren, Stromnetze, Elektronik und Photovoltaik gehören zu den Bereichen, die vom KI- und Infrastrukturboom profitieren und gleichzeitig Silber in technischen Anwendungen benötigen.
Setzt sich der Investitionszyklus fort, bleibt dies grundsätzlich unterstützend. Werden Projekte aufgrund steigender Finanzierungskosten verschoben, könnte die industrielle Nachfrage dagegen schwächer ausfallen.
Silber wird deshalb besonders empfindlich darauf reagieren, ob aus dem gegenwärtigen KI-Boom ein langfristiger Infrastrukturzyklus oder eine zunehmend kreditfinanzierte Überinvestition entsteht.
Ein weiterer Kursanstieg braucht neue Käufer
Ein positives Argument für die Fortsetzung des Bullenmarktes liegt in den enormen Liquiditätsbeständen außerhalb des Aktienmarktes. Allein amerikanische Geldmarktfonds verwalten inzwischen fast acht Billionen US-Dollar.
Dieses Kapital wird nicht vollständig in Aktien wechseln. Ein Teil dient Unternehmen und privaten Anlegern bewusst als Liquiditätsreserve. Dennoch zeigt die Summe, dass die Aktienmärkte keineswegs bereits sämtliches verfügbares Kapital absorbiert haben.
Sollten Treasury-Renditen sinken oder Unternehmensgewinne erneut deutlich positiv überraschen, könnte ein Teil dieser Gelder wieder in Risikoanlagen fließen.
Der Bullenmarkt muss seine nächste Phase selbst verdienen
Der vierte Jahrestag des aktuellen US-Bullenmarktes ist deshalb weder ein Warnsignal noch eine Entwarnung. Die Rally besitzt weiterhin starke fundamentale Stützen: Unternehmensgewinne wachsen, die Wirtschaft bleibt robust und der KI-Investitionszyklus erzeugt reale Nachfrage.
Gleichzeitig ist die Ausgangslage anspruchsvoller geworden. Aktienbewertungen sind hoch, die Marktführung ist stark konzentriert und Staatsanleihen bieten wieder Renditen, die eine echte Alternative darstellen.
Die nächste Phase dürfte deshalb anders aussehen als die vergangenen Jahre. Weitere Kursgewinne werden zunehmend davon abhängen, ob sich der Aufschwung auf mehr Unternehmen verteilt und ob die enormen KI-Investitionen tatsächlich die erwarteten Erträge liefern.
Der wichtigste Prüfstein dürfte dabei weniger das Alter des Bullenmarktes sein als das Verhältnis zwischen Gewinnwachstum und Kapitalpreis. Solange Gewinne schneller steigen als Zinsen und Finanzierungskosten, kann die Rally weiterlaufen. Dreht sich dieses Verhältnis, könnten die hohen Bewertungen erstmals deutlich stärker unter Druck geraten.
Nach vier Jahren ist der amerikanische Bullenmarkt damit nicht zwangsläufig alt – aber er ist deutlich anspruchsvoller geworden.
10.10.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de
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