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Gold und Silber – Ruhe vor dem nächsten Boom?

Nach extremen Ausschlägen wirken die Edelmetallmärkte ruhiger. Doch unter der Oberfläche bleiben wichtige Preistreiber aktiv.

 

Wer nur auf die täglichen Bewegungen von Gold und Silber schaut, könnte Ende September 2026 den Eindruck gewinnen, dass an den Edelmetallmärkten etwas Ruhe eingekehrt ist. Tatsächlich täuscht dieser Eindruck ein wenig. Hinter beiden Metallen liegt ein außergewöhnlich bewegtes Jahr mit Rekordständen, heftigen Korrekturen und schnellen Gegenbewegungen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Gold und Silber gerade spektakulär steigen, sondern ob die derzeitige Phase lediglich eine Konsolidierung innerhalb eines weiterhin außergewöhnlichen Marktumfelds darstellt.

Gerade Gold zeigt, wie widersprüchlich die Lage ist. Nach Daten des World Gold Council legte der Goldpreis allein im August um rund 13 Prozent zu und beendete den Monat bei 4.563 US-Dollar je Feinunze. Damit war der August der drittstärkste Goldmonat innerhalb eines Vierteljahrhunderts. Im September folgte keine geradlinige Fortsetzung dieser Rally. Höhere Renditen am amerikanischen Anleihemarkt und ein stärkerer Dollar sorgten zeitweise für Gegenwind.

Das ist bemerkenswert, denn normalerweise gehören steigende Zinsen und höhere reale Anleiherenditen zu den Faktoren, die Gold belasten können. Nach der jüngsten Zinserhöhung der US-Notenbank lag die effektive Federal Funds Rate zuletzt bei 3,88 Prozent. Gleichzeitig stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen am 23. September auf 5,11 Prozent. Gold muss sich damit gegen eine Konkurrenz behaupten, die wieder vergleichsweise hohe laufende Verzinsungen bietet.

 

Gold hält sich trotz eines schwierigen Zinsumfelds

 

Genau darin liegt momentan eine der interessanteren Entwicklungen. Der World Gold Council stellte Mitte September fest, dass selbst Zinserhöhungen, steigende Anleiherenditen und ein stärkerer US-Dollar den Goldpreis zunächst nicht entscheidend ausbremsen konnten. Das spricht zumindest dafür, dass neben den klassischen Zins- und Währungseffekten weitere Nachfragefaktoren eine erhebliche Rolle spielen.

Gold und Silber in einer ruhigen Marktphase vor möglicher neuer Bewegung

Einer davon ist die Investmentnachfrage. Im August flossen nach Angaben des World Gold Council weltweit rund 18 Milliarden US-Dollar in goldgedeckte ETFs. Deren Bestände stiegen um 121 Tonnen auf den damaligen Rekordwert von 4.189 Tonnen. Gleichzeitig nahm die Aktivität an den Terminmärkten deutlich zu. Eine solche Entwicklung ist kein Beweis für unmittelbar weiter steigende Preise, sie zeigt aber, dass die vorangegangene Goldbewegung nicht ausschließlich von kurzfristigen Schlagzeilen getragen wurde.

Auch die Zentralbanken bleiben ein Faktor. Für Juli meldete der World Gold Council netto 23 Tonnen an gemeldeten Zentralbankkäufen. Bis Ende Juli summierten sich die gemeldeten Nettokäufe 2026 auf rund 130 Tonnen. Besonders auffällig ist China: Im August erhöhte die People's Bank of China ihre Goldreserven laut World Gold Council um weitere 20,2 Tonnen. Damit waren die offiziellen chinesischen Goldbestände 22 Monate in Folge gestiegen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Zentralbank ausschließlich kauft. Einzelne Länder treten regelmäßig auch als Verkäufer auf. Entscheidend ist vielmehr, dass Gold als Bestandteil staatlicher Währungsreserven weiterhin eine aktive Rolle spielt. Damit existiert neben privater Investmentnachfrage eine Nachfragegruppe, deren Entscheidungen nicht ausschließlich von kurzfristigen Preisbewegungen abhängen.

 

Silber hat eine völlig andere Ausgangslage

 

Bei Silber ist die Situation komplizierter. Das Metall ist gleichzeitig Edelmetall und industrieller Rohstoff. Deshalb kann Silber von einer starken Edelmetallnachfrage profitieren und gleichzeitig unter einer schwächeren Industriekonjunktur leiden.

Nach den Daten des Silver Institute wird für 2026 das sechste globale Marktdefizit in Folge erwartet. Das Institut veranschlagt die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf etwa 67 Millionen Unzen. Das gesamte Silberangebot soll zwar um rund 1,5 Prozent auf etwa 1,05 Milliarden Unzen wachsen, dennoch reicht dies nach der Prognose nicht aus, um die Gesamtnachfrage vollständig zu decken.

Interessant ist dabei, dass die Geschichte vom ständig explodierenden industriellen Silberverbrauch zu einfach wäre. Für 2026 erwartet das Silver Institute sogar einen Rückgang der industriellen Verarbeitung um etwa zwei Prozent auf rund 650 Millionen Unzen. Insbesondere in der Photovoltaikindustrie führen Materialeinsparungen und teilweise Substitution dazu, dass für einzelne Anwendungen weniger Silber benötigt wird.

Dem stehen jedoch Wachstumsbereiche gegenüber. Rechenzentren, Anwendungen rund um künstliche Intelligenz, Fahrzeuge und andere elektrische beziehungsweise elektronische Systeme bleiben wichtige Einsatzgebiete. Gleichzeitig wird die physische Investmentnachfrage nach Silber für 2026 deutlich höher erwartet. Das Silver Institute prognostizierte für Münzen und Barren einen Anstieg um rund 20 Prozent auf 227 Millionen Unzen.

 

Warum sich ein Defizit nicht sofort im Silberpreis zeigt

 

Ein häufiger Denkfehler besteht darin, aus einem rechnerischen Angebotsdefizit automatisch einen unmittelbar steigenden Silberpreis abzuleiten. So funktioniert der Markt nicht. Fehlende Mengen können zunächst aus oberirdischen Lagerbeständen gedeckt werden. Zusätzlich reagiert das Recycling auf hohe Preise. Für 2026 wird erwartet, dass erstmals seit 2012 wieder mehr als 200 Millionen Unzen Silber aus Recyclingquellen auf den Markt gelangen.

Außerdem reagieren industrielle Verbraucher auf hohe Silberpreise. Hersteller versuchen, den Materialeinsatz zu reduzieren oder Silber dort zu ersetzen, wo dies technisch und wirtschaftlich möglich ist. Genau dieser Mechanismus ist momentan beispielsweise im Photovoltaikbereich zu beobachten.

Das Defizit bleibt trotzdem relevant. Laut World Silver Survey 2026 summiert sich das kumulierte Marktdefizit über sechs Jahre auf mehr als 760 Millionen Unzen. Solche Zahlen sagen wenig über den Silberpreis der kommenden Woche aus. Sie zeigen jedoch, warum die verfügbaren oberirdischen Bestände für die längerfristige Marktbeobachtung wichtig geworden sind.

 

Von Ruhe kann eigentlich nur beim Preis gesprochen werden

 

Die derzeitige Lage lässt sich deshalb besser als Spannungsfeld beschreiben. Auf der einen Seite stehen hohe US-Zinsen, hohe Anleiherenditen, ein zeitweise stärkerer Dollar und die Möglichkeit weiterer geldpolitischer Straffung. Diese Faktoren können Gold und insbesondere das volatilere Silber erheblich belasten.

Auf der anderen Seite stehen weiterhin Goldkäufe von Zentralbanken, hohe Bestände goldgedeckter ETFs, geopolitische Unsicherheit und bei Silber ein seit mehreren Jahren bestehendes Angebotsdefizit. Hinzu kommt, dass Gold im September trotz eines ausgesprochen anspruchsvollen Zinsumfelds vergleichsweise widerstandsfähig geblieben ist.

Gerade deshalb sollte das Wort „Boom“ mit Vorsicht verwendet werden. Nach den bereits extremen Bewegungen der vergangenen Monate wäre es unseriös, aus einer ruhigeren Handelsphase automatisch den Beginn der nächsten Rally abzuleiten. Konsolidierungen können nach oben wie nach unten aufgelöst werden.

 

Gold und Silber reagieren nicht auf dieselben Signale

 

Für die kommenden Monate lohnt es sich daher, beide Metalle getrennt zu betrachten. Bei Gold dürften die Entwicklung der US-Zinsen, die realen Anleiherenditen, der Dollar, ETF-Zuflüsse und die Zentralbanknachfrage besonders wichtig bleiben. Die aktuellen US-Zinsdaten veröffentlicht die Federal Reserve regelmäßig und liefern damit einen wichtigen Anhaltspunkt für das Umfeld, in dem sich Gold bewegt.

Bei Silber kommt zusätzlich die konjunkturelle Komponente hinzu. Entwickelt sich die Weltwirtschaft robust und bleiben gleichzeitig die physischen Silberbestände angespannt, können Edelmetall- und Industrienachfrage gleichzeitig wirken. Schwächt sich die industrielle Nachfrage dagegen stärker ab oder führen hohe Preise zu zusätzlichen Einsparungen und Recyclingmengen, kann dies den Markt entlasten.

Silber bleibt deshalb das Metall mit dem größeren Spannungsfeld. Es kann in starken Edelmetallphasen erheblich dynamischer reagieren als Gold, besitzt wegen seiner industriellen Abhängigkeit aber zusätzliche Risiken.

 

Die entscheidende Phase könnte erst noch kommen

 

Ende September 2026 herrscht an den Edelmetallmärkten also keineswegs echte Ereignislosigkeit. Vielmehr treffen außergewöhnlich starke und teilweise gegensätzliche Kräfte aufeinander. Gold hat nach seiner kräftigen August-Rally einen Teil der Dynamik verloren, während hohe Zinsen eigentlich erheblichen Gegenwind liefern. Gleichzeitig bleiben institutionelle Nachfrage und Zentralbankkäufe sichtbar.

Silber wiederum hat nach seinen extremen Ausschlägen des Jahres deutlich gezeigt, wie schnell sich Übertreibungen in beide Richtungen entwickeln können. Gleichzeitig verschwindet das grundlegende Thema eines über mehrere Jahre aufgelaufenen Angebotsdefizits nicht dadurch, dass der Preis einige Wochen seitwärts läuft oder korrigiert.

Ob die aktuelle Phase tatsächlich die „Ruhe vor dem Boom“ ist, lässt sich heute nicht seriös beantworten. Treffender wäre: Gold und Silber befinden sich in einer Phase, in der der Markt nach außergewöhnlichen Bewegungen neue Orientierung sucht. Sollten mehrere der derzeit noch gegensätzlich wirkenden Faktoren gleichzeitig in dieselbe Richtung drehen, könnte die nächste größere Bewegung entsprechend kräftig ausfallen. In welche Richtung sie erfolgt, entscheidet jedoch der Markt – nicht die Schlagzeile.

 

26.09.2026 - Tobias Dalacker - info@muenzkauf.de

 

 

 






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